„Mr. Mercedes“ – Stephen King

“ … Jede Religion lügt. Jeder moralische Grundsatz ist eine Illusion. Selbst die Sterne sind nur ein Trugbild. Die Wahrheit ist Finsternis, und es kommt einzig und allein darauf an, ein Statement abzugeben, bevor man in sie eintritt. Die Haut der Welt aufzuschlitzen und eine Narbe zu hinterlassen. …“ (Seite 440)

Ein Mercedes S 600 – »zwei Tonnen deutsche Ingenieurskunst« – rast in eine Menschenmenge. Es gibt viele Todesopfer, der Fahrer entkommt. Der Wagen wird später gefunden. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Clownsmaske, das Lenkrad ziert ein grinsender Smiley. Monate später meldet sich der Massenmörder und droht ein Inferno mit Tausenden Opfern an.

Der pensionierte Polizist Bill Hodges führt seit seinem Dienstende ein zurückgezogenes, langweiliges Leben, der Gedanke an Selbstmord kommt ist immer da, doch den letzten Schritt ist er noch nicht gegangen.
Sein Leben ändert sich schlagartig, als der gesuchte Mörder aus seinem letzten, bis dahin ungelösten Fall mit ihm Kontakt aufnimmt und ihn verhöhnt. Er scheint ihn zu beobachten und will in einem ganz bestimmten Internetforum Kontakt mit ihm aufnehmen. Da Hodges in technischen Dingen eher unbedarft ist, zieht er den Nachbarsjungen Jerome zu Rate.
Gemeinsam machen sich die Beiden auf die Jagd nach dem Mercedes Killer, wie der sich selbst nennt.

Nachdem mich die letzten Bücher, die ich von Stephen King gelesen habe, nicht mehr so ganz überzeugen konnten, ist es ihm in „Mr. Mercedes“ wieder gelungen, mit seinen Figuren mitzufiebern und den Bösewicht zu hassen, in „Doctor Sleep“ zum Beispiel fand ich Rose und ihren Rentnerverein auf Campingtour alles andere als furchteinflößend, man möge mir verzeihen.
In „Mr. Mercedes“ hat der Autor jedoch wieder Charaktere erschaffen, mit denen man sich verbunden fühlt, mit denen man mitleidet oder sie schlicht und ergreifend verabscheut und wie üblich hat jeder von ihnen seine eigene Hintergrundgeschichte. Genau das liebe ich an Stephen King, auch wenn es viele zu ausufernd finden.
Bill Hodges macht es einem leicht, ihn zu mögen. Als pensionierter Polizist weiß er mit seinem Leben nicht mehr wirklich etwas anzufangen, da kommt man schon mal auf den Gedanken, sich die Waffe in den Mund zu stecken. Doch da ist sein letzter Fall, der Irre, der mit einem Mercedes in eine Gruppe Menschen gerast ist, die früh am Morgen in eisiger Kälte bei einer Arbeitsvermittlung anstanden, in der Hoffnung einen Job zu ergattern und so ein paar Dollar zu verdienen.
Als ausgerechnet der ihm einen Brief schickt, leckt Bill Blut, er will seinen letzten Fall abschließen und den Täter zur Strecke bringen, hat endlich wieder etwas, wofür es sich zu leben lohnt.
Auch Jerome, der sein Taschengeld aufbessert, indem er für Bill ein paar kleinere Arbeiten erledigt, muss man einfach mögen. Der Junge ist verdammt clever und stets um seine kleine Schwester besorgt, außerdem kennt er sich mit Computern aus, zumindest wesentlich besser als Hodges.
Holly hingegen ist erstmal nur ein nervender Nebencharakter, mehr als einmal hab ich mich gefragt, was genau eigentlich ihr Problem ist, denn so richtig schlau wird man aus ihr nicht. Sie ist in sich selbst zurückgezogen und obwohl schon über 40, wird sie von ihrer Mutter ständig bevormundet und zurechtgewiesen, ich glaube, ich wäre an ihrer Stelle schon lange Amok gelaufen …^^
Von Anfang an weiß man, wer der Täter ist, daraus macht Stephen King kein Geheimnis und lässt den Leser auch in Bradys Leben eintauchen. Unzufrieden mit seinem Job, genervt von der Mutter, mit der er zusammenlebt, nicht wirklich fähig, Freundschaften zu schließen. Natürlich hatte er eine verkorkste Kindheit, dennoch hab zumindest ich keinerlei Mitleid mit ihm, zumal er immer wieder darüber philosophiert, wie er mit wenig Aufwand den größtmöglichen Schaden anrichten kann. ja, er ist durchaus ein Monster in Verkleidung des netten Mannes von nebenan.
Bereits der Beginn des Buches ist wie ein Faustschlag in den Magen, denn man begleitet einen der Leute, die an jenem verhängnisvollen Morgen, an dem alles begann, nach Arbeit ansteht. Der Leser ist also bereits da mitten im Geschehen und das ändert sich auch im Laufe der Story nicht. Wenn man Bradys ersten Anschlag schon für grausam hält, so toppt er ihn mit seinen neuesten Plänen noch um ein Vielfaches und das Schlimme daran ist, solche Dinge sind keinesfalls aus der Luft gegriffen, sie geschehen um uns herum, immer wieder, das ist das wirklich Erschreckende, der ganz reale Horror.

„Mr. Mercedes“ stand lange ungelesen im Regal, da mich Kings letzte Bücher nicht so wirklich vom Hocker gerissen haben. Allerdings habe ich dem Werk damit Unrecht getan, denn „Mr. Mercedes“ ist ein spannender Thriller mit einem leider immer wieder aktuellem Thema. 
Die Figuren haben Tiefe, aber das erwarte ich bei Stephen King auch, sie reagieren nachvollziehbar und die Geschichte weiß von Anfang bis Ende zu fesseln. Und auch wenn ich den King-Schriftzug von Heyne immer noch schrecklich finde, am Cover selbst gibt es nix zu meckern, es passt. Um es kurz zu machen: 4,5 von 5 Miezekatzen und ich freue mich auf den zweiten Band.

Bill Hodges-Trilogie:
01. „Mr. Mercedes“

02. „Finderlohn“
03. „Mind Control“

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