„Wir haben alles falsch gemacht“ – C. V. Hunt

 

“ … Ich konnte mein Lachen nicht unterdrücken. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal gelacht und es sich gut angefühlt hatte. Aber es löste auch ein schlechtes Gewissen in mir aus. Beverlys Tod hatte mein Leben in eine freudlose Leere verwandelt, in der es einem Sakrileg gleichkam, jemals wieder etwas als unterhaltsam zu empfinden. Spaß zu haben bedeutete, ihr Andenken zu betrügen und unser gemeinsames Leben. Ich schluckte mein Lachen hinunter. …“ (Seite 111)

Eine schonungslose Enthüllung der Schönheitsfehler unserer modernen Welt. Das schwarze Loch der Einsamkeit wird zum Horror.

Für den 65-jährigen Abe ist das Leben nur noch eine Last: Seine Frau ist tot, seine Kinder sind egoistische Arschlöcher und sein Telefonjob als Verkäufer von Dr. Wiwis Selbsthilfe-Hörkassetten ist im 21. Jahrhundert ein trauriger Witz.
Aber genau in dem Moment, als er eine Überdosis Schlaftabletten einwerfen will, steht Abes alter Kumpel Horace vor der Tür – mitsamt seiner widerlichen neuen Flamme.
Jeder Versuch, die beiden narzisstischen Säufer wieder loszuwerden, scheitert. Und schlimmer noch: Horace hat beschlossen, die Lebensunlust von Abe mit Sex, Alkohol und einem Roadtrip ins Nirgendwo zu heilen.

C. V. Hunt erzählt so realistisch und bitter wie Chuck Palahniuk. Man liebt es, ihre Figuren zu hassen.

Abe hat genug vom Leben, die Schlaftabletten hat er schon in der Hand, als das Telefon klingelt und einfach keine Ruhe gibt. Am anderen Ende ist Horace, niemand, den er jetzt gern sehen möchte.
Der alte Kumpel kündigt seinen Besuch an, lässt sich nicht abwimmeln und so muss Abe die Selbstmordpläne erstmal aufschieben. Doch er kommt nicht allein, er hat seine neueste Eroberung im Schlepptau, wie er selbst nicht mehr die knackigste. Beide poltern in Abes Haus, in sein Leben und treiben ihn mit ihrem unmöglichen Benehmen immer wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs, aber so einfach wird er sie nicht wieder los.
Als Horace die Einladung zu einer Preisverleihung von Abes Arbeitgeber findet, ringt er ihm schließlich das Versprechen ab, mit ihm dorthin zu fahren und so machen sich die beiden Alten brechen die beiden Alten zu einem Roadtrip auf, der nicht nur schmerzliche Erinnerungen weckt…

Abraham kann den Verlust seiner Frau nicht überwinden, ohne sie hat das Leben für ihn keinen Sinn mehr und so beschließt er zu sterben, kommt aber nicht dazu, den Plan in die Tat umzusetzen, denn Horace taucht bei ihm auf. Der ist das totale Gegenteil von Abraham, laut, vulgär, versoffen, auf den ersten Blick ein sehr unangenehmer Zeitgenossen, den man besser nicht in seiner Nähe haben möchte. Und doch verbindet die Männer mehr, als man zunächst vermutet, denn hinter all den Kraftausdrücken und Gemeinheiten verbirgt sich eine ähnlich kaputte Seele, die beiden gehen ihr Problem nur sehr unterschiedlich an.
Abe macht sich mit seiner unerwünschten Reisebegleitung nur widerwillig auf den Weg , erkennt aber nach und nach, dass er nicht der Einzige ist, der mit dem Leben hadert.
Es fällt mir verdammt schwer, „Wir haben alles falschgemacht“ einem Genre zuzuordnen, was ist es eigentlich? Ein Entwicklungsroman? Immerhin kommt Abe zu neuen Ansichten, aber so ganz trifft es den Punkt eben doch nicht. Ein Drama ist es auch nicht wirklich, immer wieder bringen einen die beiden Herrschaften, vor allem natürlich Horace, zum Lachen.
Überhaupt ist der ein sehr zwiespältiger Charakter. Auf der einen Seite ist sein teilweise mehr als nur unschönes Verhalten, dennoch kommt man nicht umhin, seinen „Lebensweisheiten“ zuzustimmen, die sich durch das gesamte Buch ziehen.
C. V. Hunt zeichnet mit diesem Buch das Porträt einer Generation, die irgendwie, irgendwo, irgendwann den Anschluss verpasst hat und nun wehmütig zurückschaut. Das ist ihr sehr eindrucksvoll gelungen, denn auch wenn die ganze Zeit über nichts wirklich bahnbrechendes passiert, so berührt die Geschichte doch ungemein. Der Schreibstil ist sehr salopp, es wimmelt nur so von Schimpfwörtern, Beleidigungen und „sexuellen Ausschweifungen“ aber genau das macht das Ganze eben auch sehr authentisch.

Zwei alte Männer auf dem Selbstfindungstrip, was nicht sonderlich spannend klingt, erweist sich jedoch als kleine Perle und so ist gleich mein erstes Buch im neuen Jahr ein Volltreffer. Stehe ich mit „Rituelle Menschenopfer “ von der Autorin ein bisschen auf Kriegsfuß, so bekommt „Wir haben alles falsch gemacht“ von mir 4,5 von 5 Miezekatzen und so eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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