„Mutterfleisch“ – Simone Trojahn

Woher kommt das Böse? Wird man als Psychopath geboren oder sind äußere Einflüsse verantwortlich? Macht es Sinn, gegen die eigenen Gene zu rebellieren? Bist du mutig genug, es herauszufinden? Die Mutter des achtzehnjährigen Caleb leidet unter schweren Störungen. Sie ist nicht nur eine Gefahr für den eigenen Sohn, sondern auch für ihre Umwelt. Die Dinge, die sie tut, um sich gut zu fühlen, sind an Grausamkeit und Perversion nicht zu überbieten. Als Caleb sich in die gleichaltrige Vicky verliebt, die ihrerseits unter einem übergriffigen Stiefvater leidet, schmiedet das Paar einen tödlichen Plan. Gibt es eine gemeinsame Zukunft oder hat Caleb die Macht seiner inneren Dämonen unterschätzt?
Simone Trojahns Schreibstil ist drastisch und absolut schonungslos. Sensible Leser sollten von ihren Büchern Abstand nehmen. Alle anderen können sich auf ein knallhartes Leseerlebnis mit Gänsehautgarantie freuen.

Leyla ist eine seltsame Frau, hübsch, blass und einsam, nur ihr Sohn Caleb leistet ihr Gesellschaft. Das Haus ist immer dunkel und wird selten verlassen, fast jedes Jahr steht ein Umzug an und bereits seit langer Zeit weiß der Junge, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmt, denn sie steht auf Fleisch. Das holt sie sich jedoch nicht wie jeder andere beim Metzger, sondern von den Männern in der Umgebung, schon als kleines Kind hat Caleb nachts deren Schreie gehört. Freunde sind für ihn nicht drin, auch ein normales Teenagerleben nicht, stattdessen zwingt ihn seine Mutter im Haus zu bleiben, ihre Opfer zu zerlegen und manchmal sogar zu essen.
Und dann lernt er Vicky kennen und zum ersten Mal setzt er sich über die Gebote seiner Mutter hinweg. Damit setzt er eine tödliche Spirale in Gang …

Der Klappentext nimmt in diesem Fall leider viel zu viel vorweg. Caleb, den Namen hat seine Mutter gewählt, weil er voller Hingabe oder auch Hund bedeutet, hat unter seiner Mutter nichts zu lachen, sie behandelt ihn tatsächlich nicht besser als ein ungeliebtes Haustier, in ihren Augen hat er versagt, denn er teilt nicht ihr blutiges „Hobby“. Hin- und hergerissen zwischen Liebe und Angst  wächst der Junge auf, muss ständig umziehen, wenn mal wieder zu viele Männer verschwunden sind, hat keine Freunde, man hat einfach nur Mitleid mit ihm, zumindest anfangs. Dafür ist seine Mutter das Böse in Person, kaltherzig, manipulativ, brutal, so etwas wie Mutterliebe ist ihr fremd, Sex hingegen nicht. Sie weiß genau, wie man den Sprössling bei der Stange hält und das im wahrsten Sinne des Wortes. Caleb fühlt sich beschmutzt und benutzt, kann sich gegen seine Mutter jedoch nicht wehren. Die böse Mutter, der gute Sohn …
Als er nach langer Zeit endlich Freunde findet, verschiebt sich das Ganze etwas, er erfindet Ausreden, um länger wegbleiben zu können und als er sich in Vicky verliebt, wird er seiner verhassten Mutter langsam aber sicher immer ähnlicher. Gut, ich verstehe Leyla, ich verstehe bis zu einem gewissen Punkt auch Caleb, selbst wenn mir beide nicht sonderlich sympathisch sind. Doch ist Leyla wirklich so ein Monster? Und warum ist ihr Sohn so ein Weichei? An seiner Stelle hätte ich schon lange aufgemuckt, warum lässt er sich das immer wieder gefallen? Vicky hingegen verstehe ich nicht wirklich. Klar, auch sie hat Probleme im Elternhaus und endlich jemanden gefunden, der sie versteht,  Liebe macht ja bekanntlich blind, aber irgendwann muss der Groschen doch mal fallen. Als er es endlich tut, ist es zu längst spät für alle…
Simone Trojahns Schreibstil passt zur Geschichte, teilweise etwas derber, nichts ist aufgesetzt. Auch diesmal leidet man wieder mit ihrem Protagonisten, für den ein normales Leben unmöglich erscheint bis er erste Liebe trifft. Ein Silberstreif am Horizont, ein Hoffnungsschimmer, fast möchte man erleichtert aufatmen. Doch wer Simones Bücher kennt, weiß, das man sich davon nicht täuschen lassen sollte, das ist nur der Vorspann vor dem großen Knall und der kommt auch hier, bitterböse, aber für mich diesmal vorhersehbar.

„Mutterfleisch“ nimmt den Leser mit auf eine blutige Reise an der Seite von Caleb, der es endlich schafft, sich gegen seine herrische Mutter zu wehren, aber um welchen Preis? Zartbesaitete wie immer: Finger weg und auch Mütter werden sich wohl das eine oder andere Mal fragen, was eine Frau so eiskalt werden lässt. Wer auf Friede, Freude Eierkuchen und Happy Ends steht, sollte ebenfalls einen großen Bogen um die Autorin machen, sonst wird ihm womöglich die rosarote Zuckerwatte im Hals stecken bleiben und das wollen wir ja nicht. Freunde der härteren Gangart, und ich spreche tatsächlich nur von Büchern, die noch nichts von Simone gelesen haben, sei das Buch, so wie auch ihre anderen Werke, ans Herz gelegt, denn auch wenn ich bereits ungefähr nach der Hälfte ahnte, wie die Geschichte ausgeht, so hat sie mich doch bis zum bitteren Ende gefesselt, das ist mir 4 von 5 Miezekatzen wert.

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