„Die perfekte Tochter“ – Rebekah Stoke

“ … Schon komisch – ich wohnte in der „glücklichsten Stadt Amerikas“, wie Lafayette genannt wurde, und war alles andere als das. Ich kam nicht klar. Ich wusste nicht, wer ich war. Denn ich wollte alles sein, nur keine Wilson. … „

Emily Stuart träumt von einem Leben fernab ihres Jobs in einer Kneipe und der toxischen Kontrolle ihrer Mutter. Als sie eine Stelle bei der wohlhabenden Familie Wilson annimmt, scheint sich endlich eine Tür zu öffnen: eine elegante Villa in Lafayette, ein geregelter Alltag und eine Hausherrin, die sie mit unheimlicher Herzlichkeit empfängt. Doch über dem Haus liegt der Schatten der verstorbenen Tochter Megan. Ihr angeblicher Selbstmord wirft Fragen auf, die niemand zu stellen wagt. Je länger Emily bleibt, desto deutlicher zeigen sich die Risse im perfekten Familienbild: nächtliche Albträume, halbe Andeutungen, und Madison, die ältere Tochter, deren misstrauische Feindseligkeit jede Begegnung vergiftet. Als Emilys Mutter brutal ermordet wird und eine verstörende Nachricht auftaucht, kippt Emilys Welt endgültig. Erinnerungen beginnen zu flackern, Wahrnehmung und Einbildung drohen zu verschwimmen. Je tiefer sie gräbt, desto bedrohlicher wirkt das Geflecht aus Lügen, das die Familie Wilson umgibt. In diesem Haus hat jeder etwas zu verbergen. Und Emily ahnt bald, dass sie nicht nur nach Antworten sucht, sondern nach ihrer eigenen Rolle in einem Spiel, das längst über Leben und Tod entscheidet.

Ein Job in einer Bar, zu Hause eine ewig nörgelnde Mutter, die mit vollen Händen das mühsam verdiente Geld ausgibt, Emily wünscht sich mehr vom Leben. Und als sie das Angebot bekommt, als persönliche Assitentin in der Villa der angesehenen Familie Wilson zu arbeiten, sieht sie ihre Chance gekommen. Ihre Chefin behandelt sie wie eine Tochter und bald fühlt sich Emily auch so. Doch wie so oft täuscht auch hier der schöne Schein, denn die glückliche Familie, die sie nach außen repräsentieren, ist nur eine Fassade. 

Emily ist unzufrieden mit ihrem Leben, sie arbeitet in einer Bar, wo sie sich immer wieder auf Männer einlässt um ihrer kleinen Welt zumindest kurzzeitig zu entfliehen. Denn zu Hause wartet ihre kranke Mutter, die sich seit Jahren gehenlässt, keinen Finger krumm macht und von Emilys Geld lebt. ZUu behaupten, die beiden haben eine toxische Beziehung ist noch untertrieben. Als Emilys Chef Hank ihr erzählt, dass ein Bekannter für seine Frau eine persönliche Assistentin sucht, ist sie erstmal weniger begeistert, denn sich erst herumkommandieren zu lassen und dann noch abends in der Bar zu arbeiten, scheint nicht verlockend. Dennoch stellt sie sich bei Martha Wilson vor und ist von den Socken, als sie das Haus sieht, hier ist alles so anders als bei ihr zu Hause, die Familie ist reich und angesehen, nur dass Megan, eine der Töchter, vor kurzem Selbstmord begangen hat, passt nicht so recht ins Bild.
Zu ihrer Überraschung bekommt Emily den Job, verlässt ihre Mutter und wird bei den Wilsons mit offenen Armen empfangen, eher wie ein Familienmitglied als eine Angestellte. Martha ist mehr Freundin als Chefin, nimmt sie immer wieder zu privaten Treffen mit, kauft ihr Kleider, Emily ist im siebten Himmel. Doch nicht alle finden das in Ordnung, Madison, Marthas Tochter, sieht in ihr einen Konkurentin und auch Marthas Mann hat damit seine Probleme, allerdings aus anderen Gründen. Doch es ist Martha, die die Fäden in der Hand hält, nach ihrer Pfeife haben die anderen zu tanzen, egal was sie fühlen. Und so zeigt sich schon bald, dass eben nicht alles Gold ist, was glänzt, denn hinter der Fassade der scheinbar glücklichen Wilsons brodelt es und als erst Hank und schließlich ihre Mutter sterben, hegt Emily einen bösen Verdacht.
Mit dem Prolog ihres neuen Psychothrillers „Die perfekte Tochter“ hat Rebekah Stoke mal wieder einen genialen Einstieg geschafft, sie lässt nämlich eine Tote zu Wort kommen. Megan Wilson stammt aus einer reichen Familie und ist in einer tollen Villa großgeworden, trotzdem ist sie nicht glücklich, denn so lange sie denken kann, gehört sie nicht dazu, ist das schwarze Schaf, hat andere Erwartungen an ihr Leben, bricht immer wieder von zu Hause aus und begeht schließlich Selbstmord. Das hält sie jedoch nicht davon ab, eine wichtige Rolle in der Geschichte zu spielen, denn irgendwie ist sie es ja, die alles ins Rollen bringt, auch ohne direkt dafür verantwortlich zu sein. Sie wirft immer wieder einen Blick auf das Geschehen, nimmt damit eigentlich schon fast die Rolle des Erzählers ein und das finde ich genial. Ihr gegenüber stehen Martha und Emily. Martha, die ungeliebte Stiefmutter und Emily, deren Angestellte, die verzweifelt versucht, den leeren Platz, den Megan hinterlassen hat, einzunehmen. Beide Frauen wissen was sie wollen und wie sie ihre Ziele verwirklichen, das macht nicht nur Martha zu einer sehr manipulativen Persönlichkeit, die nach außen stets freundlich erscheint, auch Emily hat mir Gänsehaut verursacht. Nicht, dass sie mir mit ihrem festgefahrenem Leben nicht leid tat, aber schon zu Beginn verhält sie sich ab und an merkwürdig kalt, fast schon abgebrüht. Was die beiden Frauen ja eigentlich zum perfekten Team macht. Ganz so einfach ist es natürlich auch diesmal nicht und ich muss zugeben, dass Rebekah mich mit ihrem Twist eiskalt erwischt hat, mal wieder habe ich das so nicht kommen sehen, Chapeau!

Ein gut bezahlter Job und Familienanschluss, was für Emily der absolute Volltreffer zu sein scheint, verwandelt sich in einen Albtraum aus Neid und Missgunst. Rebekah Stoke schafft es auch in „Die perfekte Tochter“ wieder, ihre Leser glauben zu lassen, sie wüssten was vorgeht, nur um dann mit einem Schlag alles zu ändern. Was bleibt, ist der verstörende Blick auf eine dysfunktionale Familie, dafür gibt es von mir wohlverdiente 4,5 von 5 Miezekatzen.

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