„River of Violence“ – Tess Sharpe

“ … Doch, auf jeden Fall: Daddy ist anders zu mir, weil ich ein Mädchen bin. Er würde das niemals zugeben, aber egal wie stolz er auf mich sein mag, er unterschätzt mich trotzdem. Mo sagt, er kann nicht anders. Das ist die Art von Vätern.
Manchmal denke ich, das ist einfach die Art von Männern.
Früher hat mich das geärgert. Aber dann wurde mir klar, dass das eine Schwäche ist.
Und mir wurde antrainiert, Schwächen auszunutzen …“
( Seite 172)

Eine junge Frau im Zentrum der Fehde zwischen
zwei Drogenclans und vor der schrecklichsten Wahl
ihres Lebens: Familie oder Freiheit.

„Niemals die Drogen strecken – Lass sie pur.
Gewehre sind zum Schießen da – lass sie immer geladen.
Familie bedeutet alles – hintergehe sie, und du stirbst.“

Ich bin acht, als ich zum ersten Mal erlebe, wie mein Daddy einen Mann umbringt…“ Eigentlich hat mich Tess Sharpe bereits mit dem ersten Satz.
Und es gibt viele dieser ersten Male, Dinge, die „normale“ Kinder nicht erleben, denn Harley ist die Tochter von Duke, dem Boss eines Drogenclans, sie wächst in einer gefährlichen Umgebung auf und je älter sie wird, umso mehr versteht sie, was um sie herum vorgeht.
Mit 8 Jahren ist sie dabei, als ihre Mutter verbrennt, getötet von Carl Springfield, dem Oberhaupt des rivalisierenden Clans.
In diesem Moment lernt sie ihren Feind kennen, einen Schatten, der sie ihr ganzes Leben verfolgt, den sie schwört, zu töten, irgendwann, wenn die Zeit reif ist.
Vorher jedoch kommen Lehrjahre, die Harley nie vergessen wird, denn ihr Vater lehrt sie alles, was sie braucht, um eines fernen Tages seinen Platz einzunehmen und er ist alles andere als zimperlich.
Harley lernt bereits als kleines Kind schießen, wenn sie einen Raum betritt, checkt sie als erstes alle Fluchtmöglichkeiten ab, sie darf nicht zur Schule, zu gefährlich, dafür lernt sie jedoch eine Menge anderer Lektionen, wie man Leichen beseitigt zum Beispiel.
Und sie hat nie eine Wahl, ihr Lebensweg ist vorherbestimmt.

“ … denn in all den Jahren habe ich gelernt, dass Leute manches eben nicht durchstehen. Manchmal fliegen Häuser in die Luft. Manchmal sterben Mütter. Manchmal sind Väter etwas, das nicht in einem Körper wohnen sollte mit der Person, die dich vorm Schlafengehen zudeckt …“ (Seite 192)

Das Verhältnis zu ihrem Vater ist sehr zwiegespalten, sie rebelliert, versucht auszubrechen, sie ist nicht so wie Duke, hat mit Methkochen und Waffenschmuggel nichts am Hut, stattdessen schlägt ihr Herz für das Projekt ihrer Mutter, ein altes Hotel, dass misshandelten Frauen Schutz gewährt.
Und dann muss sie die Führungsrolle früher als geplant übernehmen, denn ihr Dad hat Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, natürlich darf das keiner erfahren, sonst würde jeder ein größeres Stück vom Kuchen haben wollen und die alten Revierkämpfe wieder ausbrechen.
Vor Duke haben alle Angst, er ist gefährlich, aber wer hört schon auf eine junge Frau?
Harley muss herausfinden, wem sie wirklich trauen kann, sie muss ihr Erbe verteidigen. Und dann ist da auch noch Carl Springfield, mit dem sie mehr als nur ein Hühnchen zu rupfen hat…

“ … Ich habe ihn geliebt und ich habe ihn gehasst. Ich habe ihn verehrt und ich habe ihn abgelehnt. Er hat mich in Käfige und Kofferräume gesteckt, mich in Gefahr gebracht. Er hat mir so viel beigebracht, Gutes, Nützliches, Schreckliches. Er hat mich benutzt und ich habe ihn benutzt, und ich habe überlebt … er wird es nicht …“ (Seite 443)

Was soll ich sagen, ich habe „River of Violence“ von Tess Sharpe bei Lovelybooks entdeckt, dort wurden einige Leseexemplare verlost, da ich den Klappentext und das einfache rote Cover mit dem riesigen Titel sehr ansprechend fand, habe ich mein Glück versucht. Und ich habe tatsächlich ein Exemplar gewonnen.
Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, ob ich mir das Buch so gekauft hätte, falls nicht, wäre mir definitiv etwas entgangen, denn zusammen mit Harley habe ich mich auf eine Reise durch eine ungewöhnliche Kindheit begeben, die alles andere als unbeschwert ist. Ich jedenfalls hätte um nichts in der Welt mit ihr tauschen wollen.
„Ich bin beinahe elf, als ich im Kofferraum eines Autos zu mir komme…“,
„Ich bin zwölf, als ich zum ersten Mal auf einen Menschen ziele…“,
„Ich bin sechzehn, als ich begreife, wie Furchtlosigkeit aussieht…“
In Rückblicken erfährt man immer wieder Neues aus Harleys Vergangenheit, Dinge, die sie zu dem Menschen gemacht haben, der sie jetzt ist, Dinge, die sie genau an den Punkt gebracht haben, an dem sie jetzt steht und alles auf eine Karte setzt.
Tess Sharpe hat ihrer Hauptprotagonistin sehr viel mit auf den Weg gegeben, auch einen manchmal recht eigenwilligen Sinn für Gerechtigkeit, aber genau das macht sie so liebenswert, im Gegensatz zu Duke, der ein eiskalter Geschäftsmann ist, aber selbst bei ihm erkennt man einige gute Eigenschaften. Und dann ist da noch Jake, der Bruder von Haleys ermordeter Mutter, der mit all den kriminellen Machenschaften gar nichts zu tun haben will, sich aber entscheiden muss, auf welcher Seite er steht.
Zu ihrem Onkel hat Harley eine sehr innige Beziehung, ist er doch der menschlichste in ihrer Umgebung, mit Ausnahme von Will natürlich…
„River of Violence“ bietet eine Menge an interessanten Charakteren und das faszinierende daran ist, dass man sie eben nicht eindeutig als gut oder böse abstempeln kann, denn jeder versucht, auf seine Art, das Beste aus seinem Leben zu machen, einige bleiben sich selbst treu, andere verraten ihre Ideale…

Mit 522 Seiten ist das Buch recht umfangreich, aber ich habe keine Minute bereut, in Gegenteil, ich bin gerne in Harleys grausame und doch irgendwie faszinierende Welt eingetaucht, habe sogar das eine oder andere Tränchen verdrückt und kann gar nicht anders, als die volle Punktzahl zu vergeben und komme wohl nicht umhin, mir auch das andere Buch der Autorin zuzulegen.
Unbedingt lesen, 4,5 von 5 Miezekatzen.

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