„Doktor Sadist“ – Jon Athan

„… Bradley brachte kein Wort heraus – er war verdattert, angeekelt, entsetzt. Die Furcht in seinen Augen war offenkundig. Er unternahm keinerlei Anstrengung, seine Furcht zu verstecken, denn er konnte sich nicht verstecken. Sie war zu echt, zu stark. Er stand schweigend da und starrte Benny an, als wartete er noch auf die Pointe eines Witzes. Er stieß hier und jetzt in diesem Betonflur an seine Grenzen. …“ (Seite 59)

Sie nennen ihn Doktor Sadist, denn Bradley Anderson ist ein Meister der Folter. Als erfahrener Regisseur von Snuff-Filmen wird er dafür von Deep Red Pictures fürstlich bezahlt. So kann er es sich leisten, mit seiner geliebten Familie in einem teuren Haus im Luxus zu leben.
Das Problem? Als Bradley zögert, eine Gruppe von Teenagern vor laufender Kamera zu ermorden, gibt der Chef von Deep Red Pictures den Befehl, ihn zu töten.
Doch irgendwie überlebt Bradley. Und er wird sich rächen. So wie es nur Doktor Sadist kann …

Bradley hat die Schnauze voll, er will mehr Zeit für seine Familie, besonders für seine kleine Tochter, die ihren Vater nur selten zu Gesicht bekommt. Außerdem beginnt er, Mitleid mit den Leuten zu haben, die für die Filme getötet werden. Doch einfach so aussteigen ist in seinem Job nicht drin.
Als sich drei Teenager aufs Studiogelände verirren und einen Blick in die Folterräume werfen, soll er sie aus dem Weg räumen. Zum ersten Mal weigert er sich und muss teuer dafür bezahlen.
Alles, was ihm bleibt, ist sein Leben, doch so einfach sollte man Doktor Sadist nicht abschreiben …

Während ich den guten Seth von „Ein Blick in die Hölle“ feiere, schon allein, weil ich trotz seiner Grausamkeiten immer wieder grinsen muss, macht es mir Bradley sehr schwer. Seit Jahren foltert auf Befehl ihm völlig unbekannte Personen und verdient dabei nicht schlecht und dann kommen ihm plötzlich Zweifel?
Warum? Seine Tochter ist inzwischen 9, all die Jahre vorher hat es ihn also auch nicht gestört.
Doch nun will er unbedingt weg. Für seine Ungehorsamkeit muss er einen hohen Preis zahlen, aber tut er mir leid? Definitiv nein, über Jahre hinweg hat er anderen dasselbe angetan, vor und hinter der Kamera und nicht mal mit der Wimper gezuckt. Warum soll ich ihn also jetzt bedauern?
Vielleicht bin ich ja ein Spielverderber, aber die Rechnung geht bei mir irgendwie nicht auf.
Dennoch ist er von all den zwielichtigen Gestalten der einzige, der noch so etwas wie Skrupel hat, wenn auch reichlich spät, aber wie heißt es doch so schön? Besser spät als nie.
Dass er auf Rache sinnt, ist ebenfalls nachzuvollziehen und auch wenn er allein ist, hat er einen entscheidenden Vorteil: er weiß, wie der Hase läuft, kennt seine Gegner und das macht ihn verdammt gefährlich. Trotzdem ist er für mich kein Charakter, mit dem ich mitfiebere, Vielleicht auch, weil man wenig über sein Leben erfährt, hier wären ein paar mehr Hintergrundinformationen sicherlich ganz hilfreich gewesen.

Mit „Mr. Snuff“ und „Lady Vengeance“ gibt es übrigens noch zwei indirekte Vorgänger, die mit der Geschichte an sich zwar nichts zu tun haben, sich aber um dieselbe Organisation drehen und zumindest die Titelheldin aus dem zweiten wird im Buch erwähnt. Wenn ich mich nicht irre, gibt es sogar einen vierten Band, in dem der gute Doktor wieder auftaucht.
Storytechnisch fand ich das Buch jetzt unbedingt herausragend,  Jon Athan ist bemüht, dem Leser eine Abscheulichkeit nach der nächsten zu servieren, der Rest der Geschichte nimmt mir persönlich jedoch zu wenig Raum ein und auch Bradleys Rachefeldzug hab ich mir etwas blutiger vorgestellt, er kommt doch recht kurz.

Was soll ich sagen?
Mir persönlich war „Doktor Sadist“ etwas zu plump und die Story zu dünn, ein bisschen foltern hier, ein bisschen foltern da, möglichst genau beschrieben, aber für die Handlung nicht unbedingt nötig. Das Buch passt in die Extrem Reihe, ohne Zweifel, es war unterhaltsam genug, um am Samstagmorgen noch ein Stündchen länger im Bett zu bleiben, dafür hat es genau die richtige Länge, aber großartig im Gedächtnis bleiben wird es mir nicht. Für mich war es besser als „Großvaters Haus“ und „Die Hölle der Ashley Collins“, die ich beide total unglaubwürdig fand. Mein persönlicher Favorit von Athan bleibt allerdings „Die Guten, die Bösen und die Sadisten“, bei „Doktor Sadist“ reicht es nur für 3,5 von 5 Miezekatzen.

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2 thoughts on “„Doktor Sadist“ – Jon Athan”

  1. An der Stelle oben bin ich auch gerade. Bisher fand ich die ersten Seiten extrem eklig. Ich werde nie wieder ohne Bedenken zum Zahnarzt gehen können. Bei der Szene lief mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Mal sehen, wie es weitergeht.

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