“ … Ich habe mich auf etwas eingelassen. Man könnte sagen, ich habe einen Vertrag mit dem Teufel abgeschlossen. Weil ich dachte, dass ich dich dadurch retten kann. Weil ich eine so schreckliche Angst hatte, dich zu verlieren, und bereit war, alles zu tun, damit das nicht passiert. …“ (Seite 2)
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Eltern tun bekanntermaßen alles für ihre Kinder.
Doch was sind Kinder bereit für ihre Eltern zu tun?
Es ist kurz vor Mitternacht. Borealis van Dyke, ein 12-jähriger Junge, sitzt am Schreibtisch in seinem Zimmer. Seine Hände zittern verräterisch, doch er ignoriert es. Er muss sich beeilen. Um ihn herum liegen unzählige handgeschriebene Seiten. Es ist sein Abschiedsbrief, den er sorgfältig in einen Ordner heftet. Die Zeit drängt. Noch ein paar Minuten und er muss das Haus heimlich verlassen, durch die ausgestorbenen Straßen von Trier laufen, einem ungewissen Schicksal entgegen. Er hat einen Fehler gemacht, vielleicht den größten seines Lebens. Um ihn jetzt wiedergutzumachen, muss er nach draußen in die Dunkelheit gehen. Allein. Seine größte Angst ist, dass er es nicht schafft, zurückzukehren. Dass er seine Mutter nie wiedersehen wird.
Er will nicht spurlos verschwinden. Er hinterlässt Notizen.
Das ist seine Geschichte. Bist du bereit, sie zu hören?
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Mobbende Mitschüler sind fast schon das kleinste Problem des 12-jährigen Borealis. Der Junge hat einen Fehler begangen, den eer gern ausmerzen würde, dafür muss er sich allerdings auf eine Reise in die Dunkelheit begeben und er hat keine Ahnung, was ihn dort erwartet.

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Borealis van Dyke ist 12 und hat es nicht leicht im Leben, er hat Heterochromie, also zwei unterschiedliche Augenfarben und wird in der Schule gemobbt. Er lebt in Trier und fühlt eine seltsame Verbindung zum Porta Nigra. Das alte Stadttor zieht ihn magisch an, er hört dort flüsternde Stimmen und fühlt eine düstere Macht. Doch um Magie geht es im ersten Teil des Buches erstmal nicht, denn Bo erzählt in der Ich-Form aus seinem Leben, vom Verlust seines besten Freundes Norman und dem Unglück, dass seine Familie seitdem heimsucht. Und so trifft der Junge eines Tages eine unüberdachte Entscheidung, deren Konsequenzen er sich stellen muss. Hier beginnt der zweite Teil des Buches, in dem es nun endlich fantastisch wird, denn Borealis beginnt seine Reise und die startet, wie sollte es anders sein, am Porta Nigra und führt ihn hinab in die atakomben. Er muss sich der Dunkelheit jedoch nicht allein stellen, denn mit dem geheimnisvollen Mann in dunklem Kapuzenumhang bekommt er Begleiter an die Seite gestellt.
Man kann jetzt kritisieren, dass es lange dauert, bis „Borealis“ den Sprung vom „normalen“ Jugendbuch zur Fantasygeschichte schafft, denn die erste Hälfte dient als lange Einleitung und erzählt sehr ausführlich, was zu Bos Trip in die „Unterwelt“ geführt hat. Allerdings ist das keinesfalls langweilig, sondern gibt einen tiefen Einblick in eine verwundete Kinderseele, die schon so einiges mitgemacht hat, die sich mit Verlust und Ablehnung auskennt und versucht, einen begangenen Fehler auszubügeln.
Mit dem Start in den magischen Teil ändert sich dann auch die Perspektive, denn von da an berichtet nicht mehr Borealis selbst, sondern ein Erzähler übernimmt das Ruder und ich persönlich empfinde das als sehr gelungenen Schachzug, denn es zeigt, das hier nun etwas ganz Neues beginnt.
Mit Borealis hat Mila Bagrat einen Protagonisten erschaffen, den man von Anfang an ins Herz schließt, der für sein junges Alter schon viel erlebt hat und dessen Handlungen man folgen kann, auch wenn sie manchmal sehr unbedacht sind. Aber ich denke wir alle wollen unsere Liebsten beschützen und würden wahrscheinlich ganz ähnlich reagieren, wenn sich uns diese Gelegenheit bietet. Doch nicht nur Bo weiß zu überzeugen, auch die anderen Figuren haben eine Geschichte und tragen so ihren ganz eigenen Teil zur Handlung bei, nicht zu vergessen natürlich Aurelia, den vierbeinigen zuckersüßen Begleiter von Bo und ganz ehrlich, wer hätte nicht gern eine pummelige Katzenhummel? Und nein, ich werde euch nicht verraten, was zum Geier eine Katzenhummel ist, das müsst ihr schon selbst herausfinden.^^
„Borealis“ ist ein etwas anderes Buch, es ist magisch, setzt sich aber gleichzeitig mit sehr realen und ernsthaften Themen wie Verlust, Mobbing, Umweltverschmutzung und falschen Entscheidungen auseinander ohne dabei anklagend den Zeigefinger zu erheben. Zwischen den Seiten steckt viel Liebe, das merkt man beim Lesen und auch beim Betrachten der kleinen Zeichnungen, die das Geschehen untermalen.
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„Borealis“ ist eine Geschichte über Schicksalsschläge, Hoffnungen, Wünsche und den Versuch, eigene Fehler auszubügeln. Vielleicht kein typisches Fantasybuch, dafür aber sehr berührend und das ist mir 4 von 5 Miezekatzen wert.
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