„Haarmann“ – Dirk Kurbjuweit

“ … Hören Sie, sagte Müller, dass wir die Schwulen unter Kontrolle halten, ist nicht der einzige Maßstab, an dem unsere Arbeit gemessen wird, aber es ist ein wichtiger. Schwule sind Verlotterung und wir kämpfen gegen die Verlotterung. Aber man dankt es uns nicht mehr. Das war früher anders. …“
(Seite 72)

Im Hannover der 1920er-Jahre verschwinden Jungs, einer nach dem anderen, spurlos. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den Gerüchten bald schreckliche Gewissheit: Das Deutschland der Zwischenkriegszeit, selbst von allen guten Geistern verlassen, hat es mit einem Psychopathen zu tun. Lahnstein, der alles dafür gäbe, dass der Albtraum aufhört, weiß bald nicht mehr, was ihm mehr zu schaffen macht: das Schicksal der Vermissten; das Katz-und-Maus-Spiel mit dem mutmaßlichen Täter; die dubiosen Machenschaften seiner Kollegen bei der Polizei; oder eine Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass die junge Weimarer Republik sie vor dem Verbrechen schützen kann.

Dirk Kurbjuweit inszeniert den spektakulärsten Serienmord der deutschen Kriminalgeschichte psychologisch raffiniert und extrem fesselnd. Eindringlich ergründet er die dunkle Seite der wilden 1920er-Jahre, zeigt ein Zeitalter der traumatisierten Seelen, der politischen Verrohung, der massenhaften Prostitution. So wird aus dem pathologischen Einzelfall ein historisches Lehrstück über menschliche Abgründe.

Robert Lahnstein wurde nach Hannover geschickt, um dort einen Kindermörder dingfest zu machen. Dass all die verschwundenen Jungen nicht mehr am Leben sind, ist ihm von Anfang an klar.Zunächst ist er noch motiviert, doch es verschwinden mehr und mehr Kinder, die Ermittlung schreitet nur schleppend voran.  Hinzu kommt die Begegnung mit der Schwester des Verdächtigen und auch die politische Lage entwickelt sich nicht unbedingt zu seinem Vorteil.

„Warte warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu Dir
mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus Dir…“

Bücher über Serienmörder sind ja so schon ganz mein Ding und dann noch eins Fritz Haarmann, den wohl bekanntesten deutschen Vertreter, der mindestens 24 junge Männer getötet hat. Eigentlich hätte es also bereits Liebe auf den ersten Seiten sein müssen. War es aber nicht. Zum ersten war da der für mich völlig nüchterne Schreibstil, man merkt sofort, dass Dirk Kurbjuweit Journalist ist, das Buch liest sich fast wie eine Reportage. Das mag zum Thema passen, mich hat es trotzdem gestört, aber gut, daran hab ich mich irgendwann gewöhnt. Außerdem hat die fehlende „Kennzeichnung“ der wörtlichen Rede immer wieder meinen Lesefluss getoppt. Noch störender fand ich allerdings, dass es mehr um politische Gesinnungen als den Fall selbst geht. Hinzu kommt, dass Robert Lahnstein, der im Fall der verschwundenen Jungs ermittelt, für mich absolut kein Sympathieträger ist. Das liegt nicht daran, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, obwohl das verpönt ist, denn dieses Detail sorgt zumindest für ein bisschen Spannung in dem sonst recht trockenen Stoff. Nein, mir geht einfach seine Einstellung total gegen den Strich. So interessant ich die Idee finde, den Ermittler, der sich auf Haarmanns Spuren begibt zu begleiten, so sehr nervt er mich schon bald mit seinen Abstechern in die Politik und Geschichte der Weimarer Republik. Natürlich ist es auch wichtig, die Hintergründe der Geschehnisse in den 20er Jahren zu beleuchten, damit man sich als Leser ein Bild machen kann, aber in die Story eingeflochten kommt das einfach besser. Hier hingegen wird man das Gefühl nicht los, ein Sachbuch zu lesen. Lange Rede, kurzer Sinn, mir persönlich geht es in diesem Buch über Haarmann schlicht und ergreifend zu wenig um ihn. Ich finde es total schwierig, es einem Genre zuzuordnen. Auf dem Cover steht zwar Kriminalroman, allerdings weckt das zumindest in mir Erwartungen, die nicht erfüllt werden.
Der Autor hat als Journalist für einige große Nachrichtenmagazine geschrieben, genau so liest sich seine Geschichte. Eine Reportage in diesem Stil hätte ich gemocht, als Buch ist mir das ganze aber einfach zu zäh und langatmig.

Erwartet habe ich einen Mann auf der Suche nach einem Killer, bekommen einen Ermittler, der von den Eltern, die bei ihm auftauchen und ihre Kinder als vermisst melden genervt ist, mit der Welt hadert und immer wieder politische Grundsätze hinterfragt. Die Spannung blieb hier für mich leider auf der Strecke und so sind für „Haarmann“ nur 3 von 5 Miezekatzen drin, dabei bietet der Stoff an sich so viel Potenzial.

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