„Schweige still“ – Michael Robotham

“ … Ein Mädchen, das in einem Geheimzimmer eines Hauses im Norden von London gefunden worden war, geschätzt elf oder zwölf Jahre alt, obwohl sie weniger wog als ein halb so altes Kind. Eine Kreatur mit wilder Mähne und wirrem Blick, mehr Tier als Mensch, die auch unter Wölfen groß geworden sein könnte. …“ (Seite 23)

Seine Kindheit birgt ein schweres Trauma, sein Leben hat er dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet: Der Psychologe Cyrus Haven berät die Polizei bei der Aufklärung von Gewaltverbrechen. Während er einen brutalen Mordfall untersucht, lernt Cyrus Evie Cormac kennen. Evie, die als Kind aus den Fängen eines Entführers gerettet wurde, ist zu einer hochintelligenten, aber unberechenbaren jungen Frau herangewachsen. Und sie verfügt über ein untrügliches Gespür dafür, wenn jemand lügt. Als Cyrus‘ Ermittlungen sich zuspitzen, kommt sie mit dieser besonderen Gabe der Wahrheit lebensgefährlich nahe …

Als die Leiche der 15-jährigen Jodie in einem Waldstück gefunden wird, ruft man den Psychologen Cyrus Haven zum Tatort, er ist auch dabei, als ihren Eltern die Todesnachricht überbracht wird. Das bild des entblößten Mädchens lässt ihn nicht mehr los, er will wissen, was passiert ist. Sein Schützling Evie erweist sich als sehr hilfreich bei den Ermittlungen, bringt sie aber auch in Gefahr.

Nachdem mit „Die andere Frau“ 2018 der letzte Thriller mit Joe O’Loughlin erschienen ist und ich den sympathischen Psychologen immer noch vermisse, habe ich mich an die neue Reihe von Michael Robotham versucht. Nun ja, ganz so neu ist sie eigentlich gar nicht, denn „Schweige still“ ist bereits 2019 erschienen und stand auch schon einige Zeit ungelesen im Regal, irgendwie hab ich mich nicht so richtig rangewagt. Ihr kennt das doch bestimmt auch, wenn eine tolle Reihe zu Ende ist und es vom selben Autor zwar Nachschub gibt, ihr euch aber nicht sicher seid, ob ihr jemand neuen so ins Herz schließen könnt wie den Charakter, von dem ihr Abschied genommen habt, oder? Auf jeden Fall war ich mir lange nicht sicher, ob ich bereit für einen Neuanfang bin, ja, man mag es nicht glauben, aber manchmal bin ich durchaus etwas dramatisch. Am Ende habe ich mich doch dazu durchgerungen und ich habe es nicht bereut.
Auch Cyrus Haven ist Psychologe, allerdings kämpft er nicht mit Parkinson, sondern hat seine Familie verloren und das auf besonders grausame Art.

„Ich bin der Junge, der von einem Fußballtraining nach Hause kam und seinen Vater tot imWohnzimmer, seine Mutter auf dem Küchenfußboden und seine beiden Zwillingsschwestern zu Tode gehackt in ihrem gemeinsamen Zimmer im ersten Stock gefunden hat. …“ (Seite 38)

Als ein Bekannter ihn darum bittet, sich ein junges Mädchen anzuschauen, ahnt er noch nicht, welchen Einfluss das auf sein Leben haben wird. Denn Evie ist jenes Kind, dass vor Jahren in einem Schrank versteckt gefunden wurde, vollkommen verwahrlost und unterernährt. Inzwischen ist sie eine gereizte junge Frau, die kleinere Straftaten begeht und von der man noch immer nicht weiß, wie alt sie eigentlich ist. Natürlich nimmt sich Cyrus ihrer an, will herausfinden, was damals passiert ist. Als er in einen Mordfall hineingezogen wird, erkennt er, dass Evie eine ganz besondere Gabe hat, sie erkennt, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Und das ist nicht nur hilfreich, sondern bringt die beiden schon bald in Gefahr.
Wer Wert auf Action legt, wird hier enttäuscht, denn hauptsächlich geht es in „Schweig still“ erst einmal darum, die Charaktere vorzustellen und das tut Michael Robotham auf seine übliche einfühlsame Art und Weise, die ich sehr mag, dabei ist sein Schreibstil manchmal fast schon poetisch. Mit Cyrus Haven hat er erneut einen etwas eigenen, aber total liebenswerten Charakter erschaffen, der tatsächlich ein wenig an Joe O’Loughlin erinnert. Auch Evie, sein ganz spezielles Pflegekind, weiß zu überzeugen. Beide verbindet die traumatische Vergangenheit als Überlebende eines brutalen Verbrechens, über das sie noch nicht hinweg sind und außerdem hat Evie, von der man nicht einmal weiß, wie alt sie eigentlich ist, ja noch dieses Talent, dass sowohl nützlich, als auch gefährlich sein kann. Sie ist eine interessante, sehr geheimnissvolle Figur, über die man hoffentlich in den Folgebänden noch einiges mehr erfährt, schon alleine deswegen sind die natürlich jetzt ein Pflichtkauf.^^

Michael Robotham hat mich begeistert. Ja, ich trauere immer noch Joe O’Loughlin hinterher, aber nach all den Jahren muss ich mich wohl oder übel damit abfinden, dass da wohl nichts mehr kommen wird. Cyrus Haven, um den sich die neue Reihe dreht, ist allerdings ein ziemlich guter Ersatz und, wie es der Zufall so will, auch Psychologe. Die bereits erschienen drei weiteren Teile stehen schon auf meiner Wunschliste und für „Schweige still“ vergebe ich 4,5 von 5 Miezekatzen.

01. „Schweige still“
02. „Fürchte die Schatten“
03. „Der Erstgeborene“
04. „Die Totgeglaubte“

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