„Sweet Evil“ – Charles Platt

“ … »Du bist zwei verschiedene Personen«, sagte ich. »Wohin verschwindet die eine, wenn du so liebevoll und sanft wie jetzt bist?«
»Du meinst die sadistische Killerin?« Sie lächelte matt. »Im Moment ist sie außer Dienst. Was für mich eine nette Abwechslung ist, wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht vorsichtig und paranoid sein und mich verteidigen muss.« (Seite 329)   

Als Burt auf einem Highway durch die Wüste Arizonas die hübsche Suzanne aufgabelt, geben sich die beiden geradezu zwanghaft ihren brutalen sexuellen Begierden hin.
Nachdem bei einem ihrer sadistischen Sexspiele eine junge Anhalterin stirbt, entwickelt sich ihr Roadtrip zu einer irren Odyssee aus Wollust, Vergewaltigung und Mord.

Wie dieses erregungssüchtige Duo vom Hardcore-Sex zum tollwütigen Bösen übergeht, könnte nicht überzeugender geschildert sein. Ein legendärer Pornothriller von Charles Platt, der noch heute als absolut außergewöhnlich in Sachen Gewalt und Tabubruch gilt.

An einer Raststätte begegnet der eher schüchterne Burt Suzanne, nicht ahnend, dass die schwarzhaarige Schönheit schon bald seine Beifahrerin ist. Doch die junge Frau ist nicht nur eine Sexbombe, sie hat außerdem eine dunkle Seite, die sie ungeniert auslebt. Eigentlich sollte Burt entsetzt das Weite suchen, doch er findet Gefallen an Suzannes brutalen Ausrastern. Schon bald wird er vom Zuschauer zum Mittäter und die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. 

Mit Charles Platt bin ich bisher nicht so richtig warm geworden, „The Gas“ war gar nicht meins und auch „Die Macht und der Schmerz“ hat mich nicht ganz überzeugt. Aber aller guten Dinge sind bekanntlich drei und tatsächlich gefällt mir „Sweet Evil“ von diesen Werken am besten, auch wenn es natürlich wieder Sex bis zum Abwinken gibt. Allerdings wirkt das Ganze auf mich diesmal nicht ganz so plump und ich konnte Burts Handlungen zumindest teilweise nachvollziehen.
Das Buch spielt im Jahre 1971, das sollte man immer im Hinterkopf haben, denn die Zeiten waren komplett anders als heute, AIDS war noch unbekannt, die Pille dafür neu, Drogen auf dem Vormarsch und so tobte sich die junge Generation aus und pfiff auf die Regeln.
Was sich daraus entwickeln kann, sieht der Leser hier an Burt, der zu Beginn ein unscheinbarer junger Mann ist und sehr wohl zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann. Aber er ist unzufrieden und genau an diesem Punkt seines Lebens trifft er auf die Killerbraut, die Erfüllung all seiner sexuellen Träume. Zuerst noch überrascht, dass sich ein solches Sahneschnittchen ausgerechnet mit ihm abgibt, will er sie auf keinen Fall verlieren und so tut er, was sie verlangt. Er schaltet sein Moralempfinden sozusagen Schritt für Schritt aus, bis er Suzannes Vorliebe für Gewalt und Brutalität teilt. Seine Geliebte hingegen ist von Anfang an skrupellos. Sie hat kein Unrechtsbewusstsein, tut, was ihr gefällt. Ihre Opfer sind nur Spielfiguren mit denen sie sich eine Weile intensiv beschäftigt und sie wegwirft, wenn der Reiz verflogen ist.
Sind die beiden zu Beginn noch 2 Charaktere, die gar nicht zueinander zu passen scheinen, so gleichen sie sich im Laufe der Zeit immer mehr an. Doch nicht nur Burt ändert sich, auch Suzanne wird weicher. Was mich jedoch ein bisschen gewurmt hat, war die Einstellung der Beiden zu ihren Opfern, denen sie immer die Schuld an ihrem Schicksal geben. Immerhin sind sie freiwillig in ihr Auto eingestiegen, haben sexuellen Handlungen zugestimmt usw., hier macht es sich der Autor ein wenig zu einfach, finde ich und hoffe, das es nicht seine Meinung dazu widerspiegelt.
Alles in allem ist „Sweet Evil“ ein ziemlich böser Roadtrip, in dem sich alles um ein Pärchen dreht, das eine Spur aus Blut und anderen Körperflüssigkeiten hinter sich herzieht, dementsprechend ist auch der Schreibstil, hochtrabende Formulierungen oder tiefgründige Gespräche sucht man hier vergebens. Dafür erlebt man hautnah mit, wie schnell der „Normalbürger“ zur gefühlskalten Bestie mutiert und immer neue Ausreden für seine Taten findet. Dennoch ist auch Burt für mich ein Opfer, ein Opfer seiner Lust, seiner Verlustängste, seiner inneren Unzufriedenheit und natürlich auch ein Opfer von Suzanne.

„Sweet Evil“ ist in der Pulp Legends Reihe des Festa Verlags erschienen und genau da gehört es auch hin. Ein Porno in Buchform, könnte man fast sagen, aber auch wenn die Geschichte nicht besonders viel Tiefgang hat, so ist sie doch mehr als das, denn sie zeigt, wie schnell man seine Moral über Bord wirft, ist einmal der erste Schritt getan. Erschreckend, aber irgendwie auch faszinierend. Kein Highlight, aber dennoch fesselnd, allerdings war das ganze Sexgedöns irgendwann ziemlich nervig, aber es ist halt ein typischer Charles Platt. Wer das mag, kann bedenkenlos zugreifen, er kommt definitiv auf seine Kosten. Von mir gibt es 3,5 von 5 Miezekatzen, statt an ihrer Vögelei teilzuhaben, hätte ich gern mehr über die Figuren erfahren, denn die bleiben für mich leider etwas blass und auf ihre Sextriebe beschränkt.

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