„Die Mädchen ohne Namen“- Serena Burdick

“ … Ich wusste, dass Luella nur bluffte, doch die geschwollene Ader an Daddys Stirn war ein deutliches Zeichen, dass er es nicht tat. »Es gibt Heime für unanständige Mädchen wie dich und ich bin überhaupt nicht abgeneigt, dich dorthin zu schicken.« … “ (Seite 80)

New York in den 1910er-Jahren: Die Schwestern Luella und Effie wachsen wohlbehütet auf dem Familienwohnsitz auf. Doch nachdem sie ein schockierendes Geheimnis über ihren Vater herausfinden, ist Luella, die ältere der beiden, eines Morgens auf mysteriöse Weise verschwunden.
Effie vermutet, dass ihr Vater seine Drohung wahr gemacht hat und sie in das House of Mercy, ein Heim für gefallene Mädchen, bringen ließ …
Also geht Effie dorthin, um ihre Schwester zu finden.
Aber sie hat sich geirrt, Luella ist nicht dort. Dafür ist sie jetzt selbst eine Gefangene im House of Mercy – das alles andere als barmherzig ist. …
Da niemand ihrer Geschichte glaubt, gibt es für Effie keine Möglichkeit zur Flucht – es sei denn, sie vertraut dem rätselhaften Mädchen Mable …

Dieser akribisch recherchierte Roman enthüllt: Auch in Amerika gab es die berüchtigten Arbeitshäuser. Frauen und Kinder wurden gefangen gehalten, missbraucht und versklavt, während die Kirche mit ihnen Millionen verdiente.

Auf der Suche nach ihrer älteren Schwester verschlägt es die 13-jährige Effie ins House of Mercy, eine Besserungsanstalt für Frauen und Mädchen, die sich nicht weit von ihrem Elternhaus entfernt befindet und der sie trotzdem nicht entfliehen kann. Dort trifft sie auf die undurchschaubare Mable, die aus völlig anderen Verhältnissen stammt und gemeinsam mit ihr versucht dem Albtraum, in dem sie gelandet sind, zu entkommen.

Serena Burdicks „Die Mädchen ohne Namen“ war eines der Bücher meiner Leseliste für 2025. Lesen wollte ich es ja schon länger, aber die Dicke hat mich lange davon abgehalten. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigte, denn die knapp 500 Seiten habe ich schnell weggelesen, weil die Geschichte einfach erschütternd und mitreißend war.
Die 13-jährige Effie wächst gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Luella in einem wohlhabenden Elternhaus auf. Sie hat einen Herzfehler und erleidet so immer wieder Anfälle, die sie vor ihrer Familie zu verbergen versucht. Als die beiden Mädchen erfahren, dass in der Nähe Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen haben, treibt sie die Neugier dorthin und sie sind fasziniert von den Menschen dort, sehr zum Ärger ihrer Eltern. Die stellen Regeln auf, denen sich Luella immer wieder widersetzt, bis ihrem Vater der Kragen platzt und er droht, sie ins House of Mercy zu bringen, dass sich nur ein Stück die Straße runter befindet. Als Effie am nächsten Mprgen aufsteht und von ihrer Schwester jede Spur fehlt, ist ihr klar, dass ihr Dad seine Drohung wahrgemacht und sie in das Arbeitshaus gebracht hat. Mit einem Trick schleicht sich Effie dort ein, um Luelle zu suchen, muss allerdings feststellen, dass die nicht dort ist.  Und es gibt noch ein weiteres Problem, sie kann das Heim nicht mehr verlassen. So nah und doch so weit von ihrem Zuhause wird sie zu harter Arbeit gezwungen, die eine Qual für ihren geschwächten Körper ist. Doch dann trifft sie auf Mable, die ihre Flucht plant und sie will Effie mitnehmen.
Die Geschichte wird aus 3 verschiedenen Perspektiven erzählt, hauptsächlich natürlich aus der von Effie, aber auch ihre Mutter Jeanne und Mable kommen zu Wort. Allein schon der Blick auf das Leben der Mädchen und Frauen, die als billige Arbeitskräfte ohne Rücksicht auf Verluste ausgebeutet werden, weiß zu fesseln und so manches Kapitel ist schwer zu ertragen. Aber noch mehr lebt die Geschichte von ihren Figuren. Effie, zart, krank, gebrechlich, ein Bücherwurm und das völlige Gegenteil ihrer Schwester Luella, die sich immer wieder gegen alles auflehnt und gern provoziert, vor allem ihren Vater, der hinter dem Rücken der Mutter Jean, die immer wieder zu schlichten versucht, seine Spielchen treibt. Eine Familie voller Gegensätze also, in der der große Knall eigentlich schon vorprogrammiert ist. Und dann ist da noch Mable, die man erstmal überhaupt nicht einschätzen kann. Erst scheint sie ganz nett zu sein, dann nur auf ihren Vorteil bedacht. Mable machte es mir erstmal schwer sie zu mögen, doch im Laufe der Story erfährt man immer mehr über sie und ihr Leben und kann ihr Handeln nachvollziehen.
„Die Mädchen ohne Namen“ spielt in New York um die Jahrhundertwende, in einer Zeit, in der Frauen keine Rechte hatten, sich unterordnen mussten. Sie waren entweder die Vorzeigefrau Zuhause oder die Prostituierte auf der Straße, beides nicht angesehen und stehts in Gefahr, bei einem falschen Schritt in einem der Umerziehungsheime wie dem House of Mercy zu landen und dort unter dem Mantel der christlichen Nächstenliebe ausgebeutet zu werden.  Serena Burdick wirft hier einen Blick auf ein düsteres Kapitel in der Geschichte, gibt aber auch einen Einblick in die Suffragetten-Bewegung, die damals beginnt sich für die Rechte der Frauen einzusetzen.
Effies Geschichte ist ergreifend, traurig und trotzdem voller Hoffnung und für mich ein absolut unerwartetes Lesehighlight.

„Die Mädchen ohne Namen“ weiß mit tiefgründigen Figuren zu überzeugen und wirft einen schonungslosen Blick auf das Leben der Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Protagonistin Effie möchte man immer wieder einfach nur in die Arme nehmen, ihr sagen, dass alles gut wird, obwohl man ahnt, dass das wohl nicht passieren wird. Trotzdem geht sie unbeirrt ihren Weg und genau dafür bewundere ich sie und vergebe wohlverdiente 4,5 von 5 Miezekatzen.

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