„Annabelle“ – Ruby Jean Jensen

“ …Sie erinnerte sich gut daran, dass Mr. Archer über Puppen gesagt hatte, dass sie nicht echt waren, Aber die Puppe, die jetzt vor ihr stand, war anders. Er war echt. Und er dachte, sie wäre jemand namens Annabelle …“ (Seite 5)

Die Puppen haben so lange allein gelebt. Ohne jemanden, der mit ihnen spielt und sie lieb hat.

Die kleine Jessica ist einsam, denn ihre Eltern und die älteren Geschwister haben keine Zeit für sie. Als sie in einem verlassenen Herrenhaus ein altes Puppenhaus entdeckt, bewohnt von einer Puppenfamilie, geht sie immer wieder heimlich dorthin, um mit ihnen zu spielen.
Manchmal ist sie sich sicher, dass die Puppen sich von selbst bewegen.
Und sie hört sogar, wie sie ihr etwas zuflüstern … Etwas sehr Böses.

Ruby Jean Jensen feierte in den 1980ern mit ihren unheimlichen Romanen große Erfolge. Sie starb 2010, doch bis heute hat die Königin der »Böse-Puppen-Geschichten« eine begeisterte Fangemeinde. Ihr bekanntester Roman ist Annabelle (nicht zu verwechseln mit dem späteren gleichnamigen Film mit ähnlicher Story).

Jessicas Vater ist viel unterwegs und als dann auch noch ihre Mutter überstürzt auszieht, ist das kleine Mädchen tagsüber sich selbst überlassen. Die Neugier führt sie zum dem schon seit Jahren leerstehenden Nachbarhaus in dem sie ein Puppenhaus samt Puppenfamilie findet, die mit ihr reden,sie „Annabelle“ nennen und nicht wollen, dass sie wieder geht

Wenn man den Namen Annabelle liest, denkt man natürlich zuerst an die von einem Dämon besessene Puppe, die auch Ed und Lorraine Warren untersucht haben. Um die geht es hier allerdings nicht und statt nur einer Puppe gibt es hier gleich eine ganze Familie. Aber fangen wir von vorn an.
Jessica ist 5 und hat 2 Stiefgeschwister, ihr Teenager-Bruder Robert und Brenda, die bereits erwachsen ist und nicht mehr zu Hause lebt. Ihr Dad, ein Geschäftsmann, ist viel unterwegs, ihre Mutter hat eine Ausbildung gemacht und möchte jetzt ihr eigenes Geld verdienen, zum Unmut ihres Mannes. Als zwischen den beiden ein Streit eskaliert, packt sie Hals über Kopf ihre Sachen und zieht aus, weil sie in der Stadt einen Job bekommen hat. Und so ist Jessica die meiste Zeit sich selbst überlassen und stromert ziellos durch die Gegend, bis es sie zum verfallenen Haus auf dem Nachbargrundstück zieht. Dort findet sie ein altes Puppenhaus, in dem eine Puppenfamilie bestehend aus Vater, Mutter, Bruder, Schwester und einem Baby „lebt“. Schon bei ihrem ersten Besuch dort reden die Spielzeuge mit ihr und nennen sie Annabelle. Außerdem findet sie ein altes Gemälde im Haus, dass eine Frau mit ihrer Tochter zeigt, die ihr ähnlich sieht. Und so erklärt die kleine Jessica die hübsche Dame auf dem Bild zu ihrer neuen Mutter, die im Gegensatz zu ihrer eigenen immer für sie da ist. Ihre Zeit verbringt die Kleine nun soweit möglich bei ihren neuen Puppenfreunden, die sie am liebsten ganz für sich allein haben wollen.
Ruby Jean Jacksons „Annabelle“ ist bereits 1987 erschienen, Handys gab es damals ja bekanntlich noch nicht und so liegt das Anwesen von Jessicas Familie ein wenig abgeschieden zwischen Weiden und Wäldern, eigentlich der perfekte Platz für Kinder, um sich auszutoben. Natürlich nur, wenn sich nebenan kein Grundstück befindet, um das sich eine dunkle Geschichte rankt.
Neben dem Gänsehautfeeling liefert die Autorin aber auch ein sehr eindrucksvolles Bild ihrer Zeit. Vater Paul ist das Familienoberhaupt, er ist der Ernährer und seine Frau hat das Haus in Schuss zu halten und sich um die Kinder zu kümmern. Es ist nicht so, dass Jessicas Dad seine Kinder nicht liebt, aber er schafft es eben auch nicht, über seinen Schatten zu springen und sie über seine Arbeit zu stellen, selbst dann nicht, als seine Frau Diane ihn verlässt und damit verspielt er bei mir so einige Sympathiepunkte. Ähnlich verhält es sich mit Diane, die zwar wesentlich modernere Ansichten als ihr Göttergatte hat und unbedingt einer Arbeit nachgehen will. Aber auch sie stellt ihre kleine Tochter hinter ihre persönlichen Bedürfnisse, was mich bei ihr noch mehr aufregt. All das macht die einsame Jessica anfällig für jede Art von Aufmerksamkeit, die ihr entgegengebracht wird und damit ist sie das perfekte Opfer für böse Mächte.
Puppen, die zum Leben erwachen, sind ja jetzt nichts Neues, hier bekommt man es allerdings gleich mit einer ganzen Familie zu tun, die so ganz anders agieren kann als einzelne Exemplare und schon allein das unterscheidet die Geschichte von anderen. Zur damaligen Zeit war es außerdem eher unüblich auf grafische Gewaltszenen zu setzen, das merkt man auch hier. Das tut es der Spannung hier aber keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, das Unheimliche schwingt von Anfang an mit, genauso wie die Kritik an den damals längst überholten Familienverhältnissen.
Wer unheimliche Puppen mag, aber mit Blutvergießen nichts am Hut hat, sollte unbedingt einen Blick auf „Annabelle“ werfen, das in der Pulp Legends Reihe des Festa Verlages erschienen ist.

Auch wenn Ruby Jean Jensens Puppenhorror inzwischen schon einige Jahre auf dem Buckel hat, sorgt das Buch über ein kleines Mädchen, das im verfallenen Nachbaranwesen auf ein altes Puppenhaus samt Bewohner stößt, auch heute noch für Gänsehaut. Das ist mir 4 von 5 Miezekatzen wert.

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