„Die Rostjungfern“ – Gwendolyn Kiste

„Wir wollten eigentlich über sie reden. Wir wollten die Wahrheit aussprechen, sie hinausschreien, unsere Ängste beichten. Aber das konnten wir nicht. Wir hatten uns so lange darin geübt, still zu sein, dass wir jetzt, wo wir umso dringender reden müssten, vergessen hatten, wie das ging. …“ (Seite 217)

Cleveland, Ohio, Sommer 1980: Phoebe bereitet sich auf eine trostlose Zukunft vor. Die High School ist zu Ende und mit ihr auch die Illusion eines schönen Lebens.
Doch plötzlich verändert sich etwas. Ehemalige Mitschülerinnen durchleben eine erschreckende Metamorphose: Ihre Fußabdrücke hinterlassen Pfützen aus schwarzem Wasser. Ihr Fleisch wird spröde, die Körper wandeln sich zu Glas und offenbaren metallische Knochen, die schnell verrosten.
Das unheimliche Phänomen breitet sich aus und die deformierten Mädchen werden zur traurigen Sensation. Auch Phoebe ist dabei ihren Körper zu verlieren – in Vergangenheit wie auch Gegenwart …

Im Sommer 1980 hat Phoebe die High School hinter sich. In ihrer trostlosen Heimatstadt Cleveland hält sie nichts und so will sie sich bei Nacht und Nebel mit ihrer Cousine und besten Freundin Jacqueline aus dem Staub machen. Doch dazu kommt es nicht mehr, denn eine seltsame Krankheit befällt Mädchen aus Phoebes Nachbarschaft, ihre Körper beginnen sich auf seltsame Art zu verändern und niemand kann etwas dagegen tun.
28 Jahre später kehrt Phoebe nach Cleveland zurück, aber ist sie tatsächlich bereit, sich der Vergangenheit zu stellen?

Der Klappentext von „Die Rostjungfern“ hat mich neugierig gemacht und eigentlich hab ich mit einer Art Bodyhorror gerechnet, bekommen hab ich allerdings eine ganz andere Geschichte, die mich sehr berührt hat. Eine Geschichte darüber, das alles mal ein Ende hat und uns jede Veränderung etwas kostet. Manchen Preis zahlen wir gern, aber da sind auch die Dinge, die uns Angst machen, das Unbekannte, das man einfach nicht gegen das gewohnte Leben eintauschen will. Obwohl es längst Zeit dafür ist, klammern wir uns an der Vergangenheit fest.
Genau das tun auch die Bewohner der Denton Street. Die Männer schuften im Stahlwerk und bringen so das Essen für ihre Familien auf den Tisch, doch ihre Jobs sind gefährdet, immer wieder wird gestreikt. Die Menschen sind verbittert, dünnhäutig, gereizt, die Jugend will nur weg, um sich woanders eine Zukunft aufzubauen.
Mitten in dieser so schon recht trübseligen Stimmung erkranken 5 Mädchen, verändern sich immer mehr und werden so zum Buhmann für die Anwohner. Mitleid schlägt recht schnell in Angst um, endlich hat man die Schuldigen für alles, was so schiefläuft gefunden.
Phoebe kennt die Mädchen, sie sind ihre Freunde, Nachbarn und Familie, sie erlebt ihren Verfall, versucht zu helfen. Für sie wird der American Dream zum Albtraum.
Gwendolyn Kiste hat in „Die Rostjungfern“ sehr tiefgründige Charaktere geschaffen, allen voran natürlich Phoebe, die der Leser in Vergangenheit und Gegenwart begleitet. Ich mochte sie vom ersten Moment an, auch wenn ich ihre Handlungen nicht immer gutheißen konnte, aber im Gegensatz zu allen anderen versucht sie einzugreifen. Dann wären da noch ihre Eltern, Tante Betty, Adrian und natürlich Jacqueline, Dawn, Lisa, Violet und Helena.
Wer „Die Rostjungfern“ gelesen hat, weiß, was ich meine, wenn ich schreibe, dass das Buch für so viele Dinge steht, auf die man nicht wirklich vorbereitet ist und die zum Nachdenken anregen. Es ist wie ein Blick in den Spiegel mit einem Spiegelbild, das einem nicht gefällt, das wehtut. Hinzu kommt ein Schreibstil, der sehr poetisch, aber irgendwie auch ernüchternd ist. Ich habe mich mit der Auswahl für das Zitat zu Beginn diesmal unglaublich schwer getan, es gab einfach so viele tolle.
Außerdem hab ich lange überlegt, welchem Genre ich das Buch zuordne und auch wenn einige mir in dem Punkt mit Sicherheit nicht zustimmen werden, für mich ist es Horror, ein leiser, schleichender, böser Schrecken. Für mich haben sich „Die Rostjungfern“ ihren Platz in Festas Must Read Reihe mehr als verdient.

„Die Rostjungfern“ hat mich überrascht, eine bewegende Geschichte, ein toller Schreibstil und irgendwie musste ich immer wieder an „Needful Things“ von Stephen King denken. Ich fand das Buch grandios, kann mir aber vorstellen, dass die Story nichts für jeden ist. Von mir gibt es 4,5 von 5 Miezekatzen und ich hoffe auf Nachschub von Gwendolyn Kiste.

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