„Das Korsett“ – Laura Purcell

“ … Trauer ist ein heftiges Gefühl, eine Art Säure, die das Beste in uns zerfrisst. Die Hinterbliebenen erleiden Qualen und wollen unbedingt jemandem die Schuld zuweisen, und wenn sie keinen finden, richten sie den Zorn gegen sich selbst. …“ (S. 140-141)

Als ihre gemeinnützige Arbeit Dorothea Truelove zum Oakgate-Gefängnis führt, freut sie sich über die Gelegenheit, die Theorie der Phrenologie zu erforschen. Kann die Form des Schädels eines Menschen ein Licht auf seine dunkelsten Wesenszüge werfen?
Doch als Dorothea die junge Schneiderin Ruth Butterham trifft, stellt sie sich ganz andere Fragen: Ist es möglich, mit Nadel und Faden zu töten? Denn Ruth schreibt ihre Verbrechen einer übernatürlichen Kraft zu, die ihren Stichen innewohnt.
Die Geschichte, die sie über ihre tödlichen Kreationen zu erzählen hat – von Bitterkeit und Verrat, von Tod und Kleidern – wird Dorotheas Glauben an die Wissenschaft erschüttern. Ist Ruth verrückt? Nur ein Opfer? Oder eine eiskalte Mörderin?

Geheimnisvoll und quälend intensiv. Der neue viktorianische Thriller von Laura Purcell schildert, wie beängstigend es war, in dieser Zeit zu leben.

Zwei Frauen, zwei Welten, zwei Schicksale, zwei Perspektiven.
Auf den ersten Blick haben Dorothea und Rose nichts gemeinsam. Rose kommt aus gutem Hause und setzt die Wohltätigkeitsarbeit ihrer verstorbenen Mutter fort, sie besucht Frauen im Gefängnis, versucht, ihnen das Leben etwas angenehmer zu machen. Auch die 16-jährige Ruth, eine angeblich kaltblütige Mörderin, sitzt dort ein. Für Dorothea hingegen ist sie das perfekte „Opfer“ für ihre Schädelvermessungen. Während ihrer Besuche erzählt Ruth der  fremden Frau ihre Geschichte. Anfangs hält Dorothea das Mädchen einfach nur für eine durchgeknallte eiskalte Killerin. Doch je mehr sie aus Ruths Leben erfährt, umso mehr gerät auch ihre eigene Welt ins Wanken, denn beide Frauen haben durchaus etwas gemeinsam: sie sind Gefangene ihrer Zeit.

Bereits „Die stillen Gefährten“ hat mir sehr gut gefallen, umso gespannter war ich auf Laura Purcells neues Buch aus dem Hause Festa. „Das Korsett“ kommt wieder mit Goldfarbschnitt und farbigem Vorsatzpapier (diesmal passend zum Thema mit Pfauenfedern)daher, beides lässt es sehr edel wirken. Ein Augenschmaus ist das Werk also schon mal, aber wie sieht es mit dem Inhalt aus?
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der etwas Anlaufzeit brauchte, hat mich „Das Korsett“ von Anfang an gefesselt. Dorothea und Ruth sind fesselnde, tiefgründige Charaktere. Gut, Dotty war mir jetzt nicht wirklich sympathisch. Sie ist zu sehr von sich selbst überzeugt, aber wahrscheinlich musste man das in der damaligen Zeit, um als Frau nicht komplett unterzugehen. Wirkt sie auf mich anfangs noch total unnahbar, fällt diese Maske später Stück für Stück. Dafür ist jedoch nicht nur Ruth und ihre Geschichte verantwortlich, denn auch Dorothea hat es nicht leicht im Leben, sie ist nicht das typische duckmäuserische Weibchen, das brav zu Hause sitzt.
Bei Ruth sieht das komplett anders aus, denn sie stammt aus der unteren Bevölkerungsschicht und hat immer getan, was von ihr verlangt wurde, hat sich gebeugt und trotzdem wird ihr immer wieder übel mitgespielt. Man kann gar nicht anders, als Mitleid für sie zu empfinden, möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und sagen, dass alles gut wird, aber das Leben ist nun mal kein Ponyhof. Und so flüchtet sie sich in ihre Näharbeiten, die als Blitzableiter für ihre Gefühle dienen, ihr Weg, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Sie erschafft wahre Meisterwerke, doch die haben ihren Preis.
Das namensgebende Korsett steht hier also nicht nur für Schönheit und Weiblichkeit, sondern eben auch die starren und einengenden Zwänge jener Zeit, denen man sich als Frau zu beugen hat. Laura Purcell hat hier das passende Symbol für die weibliche Unterdrückung gefunden, einen Käfig, der nicht nur den Körper sondern auch den Geist einsperrt. Trotz der doch recht erschütternden Story weiß Laura Purcell mit ihrem Schreibstil zu verzaubern, in all dem Elend wirkt er fast schon poetisch, viel zu ausgeschmückt und doch so verdammt passend.
„Das Korsett“ erschien in der Must Read Reihe des Festa Verlages, den Platz dort hat es definitiv verdient.

Nicht immer sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.
„Das Korsett“ ließ mich mitleiden, hoffen, fluchen, … was kann man als Autor mehr erreichen? 
Mehr hab ich dazu auch nicht zu sagen, außer: unbedingt lesen und 4,5 von 5 Miezekatzen.^^

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