„Hope Street“ – Campino

“ … Der Krieg war gerade mal sechs Tage alt, aber es würde sechs Jahre dauern, bis mein Vater aus ihm wieder herauskam. Er war 20, als er aus dem Straßengraben in Polen schrieb. Mit zwanzig habe ich die Toten Hosen gegründet und lag auch in Straßengräben, allerdings freiwillig und betrunken. In mancher Auseinandersetzung nahm ich mir die Freiheit, gegen ihn zu rebellieren, blind dafür, was er in meinem Alter durchgemacht hat. …“ (Seite 169)

„Es geht um mehr als nur um Leben und Tod“

Campino schreibt über seine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet: den Liverpool FC.
Und natürlich über seine Familie, Queen Elisabeth, Punk und seine große Liebe zu England.

Dass Campino, der Sänger der Toten Hosen Liverpool Fan ist, ist schon lange bekannt, wie es dazu kam und wie er seinen Verein seit Jahrzehnten begleitet, erzählt er in seinem Buch, das zugleich auch eine Liebeserklärung an seine Familie ist.

Wenn ich Campino irgendwo sehe, muss ich immer an ein kleines Konzert in Düsseldorf vor ungefähr 25 Jahren denken, auf dem damals eine befreundete Band gespielt hat. Meine Freundin stieß mich ständig an und meinte . „Guck mal, hinter dir steht Campino.“, worauf ich nicht reagierte, weil sie mich ständig verarschte. Irgendwann klopfte mir wer von hinten auf die Schulter und meinte, ich solle mich doch endlich mal umdrehen, wo ich zu meiner Überraschung tatsächlich in Campinos grinsendes Gesicht blickte. Das ist inzwischen eine halbe Ewigkeit her, darüber lachen muss ich heute allerdings immer noch.
Letzten Sommer standen die Lesung zu „Hope Street“ an und natürlich war ich live vor Ort. Es war ein schöner Abend, voller Geschichten und Musik.
Das Buch hab ich allerdings immer wieder aufgeschoben und erst letzten Monat bin ich zum Lesen gekommen. Einen Teil kannte ich ja bereits und obwohl sich viel um Fußball dreht, eine Sportart, die für mich gar nicht geht, schaffte es „Hope Street“ trotzdem, mich zu begeistern, schon allein weil auf jeden Ausflug auf den Rasen in eine Familiengeschichte eingebettet ist. Und so begleitet der Leser klein Dreas, wie er zu Hause gerufen wurde, von Kindesbeinen an bis zum Juni 2020, als Liverpool nach 30 Jahren wieder englischer Meister wird.
Während mich die Fußballstories nicht vom Hocker gerissen haben, was mit Sicherheit daran liegt, dass es für mich einfach nicht nachvollziehbar ist, wie man sich in solche Dinge dermaßen reinsteigern kann, fand ich die Ausflüge ins Familienleben teilweise sehr rührend und gleichzeitig locker geschrieben. Und ich habe seine Mutter ins Herz geschlossen, die sehr viel aufgegeben hat, um sich als Engländerin hier in Deutschland ein Leben aufzubauen. Ihr „It’s such a shame“ zauberte mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.
Ein bisschen vermisst habe ich Campino den Rebellen, den unangepassten Sohn, hier läuft immer alles sehr glatt und friedlich. Klar wird man im Alter ruhiger und denkt über mache Dinge anders als mit 20, trotzdem fehlte mir gerade diese Phase im Rückblick. Und ja, es gibt auch ein paar Dinge, die mich den Kopf schütteln lassen, ich sag nur Katar und das Hetzen von Flug zu Flug, nur um im Stadion zu stehen. Trotzdem kann und will ich darüber kein Urteil fällen, das muss jeder mit sich selbst ausmachen, ich kann allerdings durchaus nachvollziehen, dass es so manchem sauer aufstößt.

Ich mochte „Hope Street“, auch wenn der Fussballteil für mich geringer hätte ausfallen können. Campinos Familiengeschichten haben mich für die Stadiengeschichten und Siegerfeiern entschädigt, noch unterhaltsamer ist das Ganze von ihm selbst vorgetragen und musikalisch untermalt. Natürlich kann man sich fragen, ob es noch Punk ist, in Luxushotels abzusteigen und Trainern und Spielern große Parties zu schmeißen, aber darum geht es mir hier gar nicht.
Campino gewährt dem Leser auf eine teilweise sehr witzige Art Einblick in seine Kindheit, seine Familie, das wollte ich und habe es auch bekommen, wenn auch mit kleinen Abstrichen, 4 von 5 Miezekatzen sind für mich hier aber trotzdem noch drin.

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