„Memo“ – Mari März

“  … Alles hier wirkt fremd, wie aus einem Film, den ich irgendwann einmal gesehen habe. Die Erinnerungen sind bruchstückhaft, längst versunken in der Zeit. Ich bahne meinen Weg an Menschen vorbei, die mir fremd sind, durch ein Haus, das irgendwann mein Zuhause war. …“

Glitzer und Staub – zwei Dinge, die nicht zusammengehören und doch hier an diesem Ort vereint sind wie ein Paar Socken, von denen eines ein Loch hat. Ich bin die Socke mit dem Loch, war es immer gewesen. Ich bin der Staub, den man gern unter den Teppich kehrt wie unliebsame Wahrheiten.
Melissa kehrt nach fünfzehn Jahren an jenen Ort zurück, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Ihre Mutter überreicht ihr einen Karton, in dem ein altes Handy liegt. Es empfängt Nachrichten, die nicht real sein können.
Oder doch?
Erinnerungen sind subjektive Wahrnehmungen, die unser Gehirn speichert. Aber was, wenn dieser Speicher defekt ist?

Auf der Beerdigung ihres Vaters trifft Melissa nach langer Zeit wieder auf ihre Familie. Das Verhältnis zu Mutter und Schwester ist nicht das Beste und eigentlich will sie nur weg. Und doch landet sie in ihrem Elternhaus, wo ihr ihre Mutter eine alte Box überreicht, die Erinnerungen weckt und die hätten besser weiter geschlafen …

Memo“ ist der Beitrag von Mari März zu Sebastian Fitzeks Anthologie „Wir schreiben zu Hause„, Vorgabe waren 5 Punkte, unter anderem das Thema Identität und ein dunkles Geheimnis. Mit Kurzgeschichten ist das bei mir ja bekanntlich immer so eine Sache, um es kurz zu machen, ich besitze dieses Buch nicht, aber Maris Story wollte ich mir nicht entgehen lassen, zum Glück gibt es sie ja als eBook, auch wenn das mit 34 Seiten ein recht kurzes Vergnügen ist. Aber wie sagt man doch so schön? „In der Kürze liegt die Würze“ und das gute alte Sprichwort trifft hier voll und ganz zu. Wer die Autorin kennt, ahnt wahrscheinlich bereits zu Beginn, worauf am Ende alles hinausläuft, aber das macht es nicht weniger erschreckend, die Faust in der Magengrube ist dennoch da.
Mari lässt ihre „Heldin“ in der Ich-Perspektive erzählen, so ist man als Leser live dabei, schaut ihr sozusagen über die Schulter, begleitet sie, als die Erinnerungen sie einholen. Das in der Familie irgendwas im Argen liegt,  ist spürbar, Mel scheint das schwarze Schaf zu sein, darauf wird immer wieder hingewiesen. Wie weit kann ihr also trauen, scheint sie doch recht gefühlskalt zu sein, fast schon unnahbar. Das haben viele Charaktere von Mari März gemeinsam, sie sind unbequem, ecken an und dennoch fühlt man sich mit ihnen verbunden, auf die eine oder andere Weise. Das muss man erstmal schaffen.^^

34 Seiten sind nicht viel, doch sie reichen völlig aus, um sehr unterschiedliche Gefühle hervorzurufen, meist keine besonders angenehmen und genau das gelingt Mari März auch hier wieder, das Leben ist eben kein Ponyhof. Ich vergebe 4 von 5 Miezekatzen und bin gespannt, wen ich beim nächsten Mal begleiten darf.

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