„Das Mietshaus“ – Oke Gaster

“ … Hier ist man Arbeiter, Mutter, Rentner, Student oder Hartz IV-Empfänger. Nicht grundsätzlich Teil gesellschaftlichen Abschaums, aber eben auch kein Mitglied im erlauchten Kreis der oberen Zehntausend.
Wer hier Zuhause ist weiß in der Regel, dass das Leben einen riesigen Pimmel hat und einen vorzugsweise trocken in den Arsch fickt. … „

Dies ist die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Mietshauses und seiner Bewohner in einer ganz normalen deutschen Durchschnittsstadt.Eine Geschichte über Liebe, Hass und Angst in einer wohlerwogenen, mehrgeschossigen Welt von sozialer Isolation.Eine Geschichte, die von Gewalt, Sorgen, Abgrundtiefen und Wahnsinn innerhalb eines zementierten Mikrokosmos erzählt, aus dem es kein Entrinnen gibt, und der für Antizipation längst keinen Raum mehr bereithält.Es ist eine Geschichte über Kindheit, Verfolgung, Freund- und Feindschaft. Kurzum: Eine Geschichte über das Leben. Oke Gaster, Jahrgang 1986, seines Zeichens ein Kind der Stadt Flensburg, die hier als Schauplatz dient, entführt seine Leser in diesem vielfältigen und vielschichtigen Roman in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche und zeigt einmal mehr auf, wie nahe Krieg und Frieden, Horror und Alltag beieinander liegen.

Die Finkendorfer Straße in Flensburg, ein Haus, drei Stockwerke und völlig unterschiedliche Mieter. Da sind Kilian und sein kleiner Bruder Bradley, die sich zwar gegenseitig nerven, aber füreinander einstehen, Studentin Sina, die sich von Olaf, dem Rentner, der unter ihr wohnt,  belästigt fühlt, Michael, der Arbeitslose, der davon träumt, eine Frau zu vergewaltigen und dabei zu Tode zu würgen, Nicole, die irgendwann die Kontrolle über ihr Leben verloren hat. Außerdem gibt es da noch Kenneth, dem polizeibekannten Schläger  …

Wie gut kennst du deine Nachbarn? Möchtest du das überhaupt?
Nach Oke Gasten Buch wirst du deine Einstellung dazu wahrscheinlich noch einmal überdenken und den Opi gegenüber wahrscheinlich mit ganz anderen Augen sehen.
Als Thriller-Leser kennt man einige Stories, in denen sich der nette Typ von nebenan als Psychopath oder Serienkiller entpuppt, hier sieht das etwas anders aus. Das Böse ist nicht auf eine Wohnung beschränkt, es wabert durchs ganze Haus. Dass man die Türken, die unter dem Dach wohnen und eigentlich aus Syrien kommen, misstrauisch beäugt, ist da noch das kleinste Übel.
Der Autor packt in seinem Buch „Das Mietshaus“ ein paar heiße Eisen an. Entfremdung, Vereinsamung, Rassismus, Gewalt, seine Figuren gehören der Unterschicht an, haben keine Erwartungen mehr ans Leben, sind von finanziellen Sorgen und Existenzängsten geplagt. Das alles hinterlässt Spuren, bei dem Einen mehr, beim Anderen weniger, aber gebrochen sind sie alle. Ja, man kann durchaus sagen, das Leben zeigt sich in der Finkendorfer Straße von seiner dreckigen Seite, friß oder stirb. Oder rede dir alles schön, aber auch das klappt eben nur bis zu einem bestimmten Punkt und wenn der überschritten ist …
Ich kann nicht sagen, dass „Das Mietshaus“ mich schockiert hat, aber zum Nachdenken angeregt hat es mich definitiv, auch wenn ich die meisten Figuren doch sehr überzeichnet und klischeehaft fand. Natürlich existiert Elend hinter geschlossenen Wohnungstüren, ein wenig zu geballt war es mir hier aber schon und auch wenn es andere Parteien wesentlich schlimmer trifft, hatte ich vor allem Mitleid mit Sina.
Oke Gastens Schreibstil ist hart und provokativ, passend zur Geschichte, die er erzählt, ab und an fühlte ich mich tatsächlich ein wenig an Bukowski erinnert.

Wer genug vom heile Welt spielen hat und dem Leben in die dreckige Vissage schauen will, dem kann ich „Das Mietshaus“ empfehlen. Es ist wie ein Schlag in die Fresse, wie ein Unfall, an dem man vorbeifährt und glotzt, unschön, schmerzhaft, mir persönlich aber auch einen Tick zu übertrieben, deshalb vergebe ich 3,5 von 5 Miezekatzen.

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