„Dead Romance“ – J. Mertens

“ … Was Jefferson hingegen wunderte, war der Geruch, den Linda seit einiger Zeit verströmte. War es ein neues Parfüm, das sie sich während Jeffersons Abwesenheit in ihren Wachphasen aufgetragen hatte? Dieser Geruch hatte etwas Süßliches, erinnerte jedoch auch in gewisser Hinsicht an Fleisch. …“

Dass Jefferson Ashcroft, der sich stets für einen Romantiker hielt, in Wahrheit nekrophil veranlagt ist, kristallisiert sich erst heraus, als seine Frau Linda in deren abgeschiedenem Herrschaftssitz tödlich verunglückt. Ihr plötzlicher Tod führt dazu, dass Jefferson den Verstand verliert und ihr Ableben als einen märchenhaften Dornröschenschlaf betrachtet. Von den Geistern seiner verruchten Ahnen angestachelt, gibt er den Startschuss für die zweiten Flitterwochen und vergeht sich in Hoffnung auf einen Stammhalter an der Toten. Die pestartige Infektion, die er sich dabei zuzieht, bemerkt er zunächst nicht. Und schließlich geschieht das Unfassbare: Die geschändete und bereits verwesende Leiche zeigt Anzeichen einer Schwangerschaft. Doch wen oder was wird sie am Ende gebären? Romantik zwischen Fäulnis, Fliegen und der Ewigkeit …

Ashcraft Manor, der Herrschaftssitz der gleichnamigen Familie, wurde 1768 erbaut und hat eine dunkle Geschichte. Immer wieder kam es zu seltsamen Todesfällen, die Männer der Familie verband eine seltsame Faszination vom Tod, dem sie im Keller mit verschiedenen selbst entwickelten Substanzen versuchen ein Schnippchen zu schlagen. 
Im Laufe der Jahrzehnte ist nun allerdings Ruhe eingekehrt und inzwischen wohnen Jefferson und Linda in dem Anwesen und führen eine fast normale Beziehung, bis Linda beim Wechseln einer Glühbirne verunglückt. … 

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich gleich zu Beginn schreibe, dass es in diesem Buch um Nekrophilie, also Sex mit Toten geht, denn das steht ja bereits im Klappentext und dürfte den einen oder anderen Aufschrei verursachen.
J. Mertens redet nicht lange um den heißen Brei herum, denn gleich nach einem kurzen Ausflug in Jeffersons Familiengeschichte, die eine wichtige Rolle spielt, lässt er Linda ausgerechnet im Schlafzimmer tödlich verunglücken. Obwohl ich von Anfang an weiß, das Linda tot ist, kann oder will ihr Mann das nicht wahr haben, für ihn ist seine Frau nur schwer gestürzt und braucht nun Ruhe, die er ihr gern gönnt. Und dann beginnt sie so wundervoll zu riechen, das tatsächlich sein totgeglaubter Sexualtrieb erwacht. Wer jetzt glaubt, das ist etwas viel Tod auf einmal, sollte besser einen großen Bogen um das Buch machen, denn es kommt noch viel schlimmer. Es geht um Verwesung, Fäulnis, Körperflüssigkeiten und tatsächlich habe ich mich teilweise ein bisschen an Tim Curran erinnert gefühlt, der seine Leser auch ganz gern mal an ihre Ekelgrenzen bringt.
Dead Romance“ ist eine Geschichte über das Verdrängen des Todes eines geliebten Menschen, den Abstieg in den Wahnsinn und irgendwie auch ein bisschen Liebesgeschichte, wenn auch auf eine etwas morbide Art.
Ich will jetzt nicht sagen, dass mir Jefferson besonders sympathisch war oder ich ihn gern um mich hätte, aber ich konnte sein Handeln zumindest teilweise nachvollziehen. Allerdings fand ich die tote Linda, die als sein Gewissen fungiert, irgendwie faszinierender.
„Dead Romance“ widmet sich einem Thema, das verstört und genau das will es auch, dennoch finden sich unter all den grauenvollen Dingen auch ein paar fast schon philosophische Ansätze.
Die Charaktere haben eine gewisse Tiefe, so dass man ihr Handeln nachvollziehen kann, dass gilt vor allem für Alan, Lindas Bruder.
J. Mertens Schreibstil passt zur Geschichte, der körperliche Verfall wird ausgiebig beschrieben, da passen natürlich keine blumigen Umschreibungen, dessen sollte man sich also bewusst sein, bevor man zum Buch greift.^^ 

Natürlich ist „Dead Romance“ ein Buch, das vor allem eins will: schockieren. Wer eine Geschichte mit überraschenden Wendungen erwartet, ist hier falsch, ebenso wie Leute mit einem nervösen Magen. Wer hingegen testen will, wann sich die Ekelpelle auf dem eigenen Körper ausbreitet, wird seine wahre Freude mit diesem Werk haben und die Toten danach mit Sicherheit ruhen lassen.
Ich vergebe 4 von 5 Miezekatzen und werde es vermeiden, in alte Familienanwesen zu ziehen.^^

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