„Familientradition“ – Marco Maniac

“ … Avan genoss es. Er genoss, dass Beate sich vor ihm fürchtete und dass er ihr Leid zugefügt hatte, an dem sie noch lange zu knabbern haben würde.
Doch der reiche Bengel hatte noch nicht genug. In seinen Augen hatte er Beate nicht annähernd genug gedemütigt. …“

Die wohlhabende Familie von Wichau ist gesellschaftlich hoch anerkannt und versteht es, ihre regelmäßigen Spenden öffentlichkeitswirksam zu vermarkten. Doch das ist alles nur Fassade. Einmal im Jahr brauchen Ansgar und Hannah von Wichau und ihre Kinder eine Auszeit von ihrer Großzügigkeit. Das ist schließlich schon Tradition …

Mit seinem Architekturbüro macht Ansgar von Wichau jede Menge Kohle und eigentlich ist er ein guter Mensch. Doch einmal im Jahr muss auch er sich abreagieren, da kommt die heruntergekommene Hinterwäldler-Familie, die er auf seinem Grundstück duldet, gerade recht. Die müssen dann ein Wochenende voller Demütigung erdulden, als Bezahlung für weitere 365 Tage in ihrer heruntergekommenen Hütte. Alles ist erlaubt, außer körperlicher Gewalt, doch diesmal gerät läuft etwas schief und die ganze Aktion gerät außer Kontrolle. 

Was gleich zu Beginn ins Auge sticht, Marco Maniacs Kurzgeschichte hat kein Cover. Warum zum Teufel nicht? Sie hat eins verdient, aber gut, ich muss wohl damit leben, dabei habe ich sofort Bilder im Kopf. Auch eine Seitenangabe konnte ich leider nirgendwo finden, aber ich schätze mal, sie hat eine Länge von 35 bis 40 Seiten, mal grob über den Daumen gepeilt. Und der Autor fackelt nicht lange, er schubst den Leser gleich zu Beginn mitten ins Geschehen, ins vornehme Anwesen der Familie von Wichau, die aus Vater Ansgar, Mutter Hannah und den beiden Kindern Avan Amadeus und Clarissa besteht. Natürlich sind alle wohlerzogen, aber irgendwann muss man den Frust ja rauslassen und da kommt Familie Nummer zwei ins Spiel, die im Gegensatz zu ihren „Gastgebern“ natürlich strunzdumm und hässlich ist, Hinterwäldler allererster Güte. Auch hier gibt es Vater, Mutter und zwei erwachsene Kinder, nur hat Tochter Beate noch Anhang mitgebracht, ein Baby.
Was folgt, ist Demütigung allererster Güte, denn die „Missgeburten“ müssen sich den weiteren Aufenthalt in ihrer Bruchbude hart erarbeiten. Maniac lässt hier zwei Welten aufeinanderprallen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und natürlich ist klar, dass etwas schiefläuft und Folgen für alle Beteiligten hat. Die von Wichaus sind hochnäsige, arrogante Arschlöcher, die sich selbst einreden, wie wohltätig sie doch sind, während ihre „Bediensteten“ ums Überleben kämpfen müssen. Gut, denen möchte man jetzt auch nicht unbedingt auf der Straße begegnen, dennoch gehen die Sympathiepunkte ganz klar an sie. Und auch wenn man als Leser das Gefühl nicht los wird, dass hier ganz tief in die Klischeeschublade gegriffen wurde, so weiß man doch, dass der Kern dieser Story eine bittere Wahrheiten birgt und uns ein Spiegel vorgehalten wird. Geld ist Macht, daran gibt es nichts zu rütteln, wer mit den Scheinen winkt, bestimmt, was gespielt wird. Aber ab und an übernimmt eben auch die andere Mannschaft mal die Führung und dann wird es blutig.^^

Ein paar Seiten mehr hätten es für mich durchaus sein dürfen, aber auch so hat mich „Familientradition“ gut unterhalten, ein kleines Häppchen für zwischendurch, kurz, aber fies sozusagen, was will man mehr? Dafür gibt es von mir 4 von 5 Miezekatzen.

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