„Nightmare Alley“ – William Lindsay Gresham

“ … Die Welt gehört mir, gottverdammt! Die Welt gehört mir! Ich habe sie in der Hand und kann sie um alles erleichtern, was mir nur in den Sinn kommt. Der Geek verschlingt Hühnerköpfe. Der Rest verschlingt etwas anderes: Versprechungen. Alle verschlingen Hoffnung. Und die werde ich ihnen liefern. Ich werde sie damit überfluten. Ich kann alles haben, was ich will. …“ (Seite 153)

Grotesk, dunkel und bizarr. Definitiv ein Leckerbissen für Noir-Fans.

Stanton Carlisle lernt die schmutzigen Tricks der Jahrmärkte und wird zum skrupellosen Gauner. Er gibt sich als spiritueller Guru aus, um die Reichen und Schwachen auszunehmen. Doch sein Spiel der Täuschungen und Lügen treibt ihn geradewegs in die Albtraumgasse …

Mit effektiver Atmosphäre und außergewöhnlicher Prosa geschrieben, ist Nightmare Alley mehr als ein großes Drama: Stantons entschlossener Aufstieg und der unvermeidliche Sturz ins Verderben ist die röntgenscharfe Durchleuchtung des ‚american dream‘.

Stan tingelt mit einer kleinen Gruppe fahrender Schausteller durch die Gegend,deren „Seherin“ Zeena teilt mit dem jungen Mann nicht nur das Bett, sondern auch einige Tricks. Und so macht sich Stan nach Ende der Saison selbstständig, kleine Taschenspielertricks weichen immer ausgeklügelteren Betrügerein. Seine Mitmenschen und deren Schicksal sind ihm längst egal, er wird zum wahren Meister der Täuschung, der Manipulation, verschwendet aber nicht einen Gedanken daran, dass es da draußen noch andere gibt wie ihn.

Ich mag Geschichten rund um alte Jahrmärkte, Wahrsager, Taschenspieler, allerdings hat mir der altbackene Schreibstil von „Nightmare Alley“ den Einstieg wirklich schwer gemacht. Immerhin hat das Buch inzwischen 75 Jahre auf dem Buckel und ja, teilweise merkt man ihm das auch an. Wer das Showgeschäft bisher mit strahlenden Scheinwerfern, Reichtum und Ruhm in Verbindung gebracht hat, wird hier auf den harten Boden der Realität zurückgeholt, Schweiß vermischt sich mit Dreck und Blut und mittendrin begegnet man Stan, der große Pläne schmiedet. Das ist an und für sich ja lobenswert, allerdings zeigt sich recht schnell, dass der junge Mann ziemlich skrupellos ist und alles zu seinem Vorteil nutzt. Und siehe an, nach einigen Jahren hat er es tatsächlich geschafft, sich einen Namen gemacht, doch auf dem Weg dahin ist viel geschehen und natürlich hat der Erfolg seinen Preis. Den muss man zahlen, ob man will oder nicht und auch Stan wird zur Kasse gebeten. Das habe ich ihm allerdings auch aus tiefstem Herzen gegönnt, denn er ist ein wahrer Kotzbrocken.
William Lindsay Gresham hat in seinem Buch eine Menge faszinierender Charaktere erschaffen, sei es Zeena, bei der Stan sozusagen in die Lehre geht, ihren versoffenen Mann Peter, Joe, den Mann ohne Beine, die naive Molly, die Stans Charme verfällt und natürlich Lilith Ritter. Er hält uns einen Spiegel vor, zerstört unsere Träume und stößt uns dann unbarmherzig hinaus in die Gasse der Alpträume, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Idee, jedes Kapitel nach einer Tarot-Karte zu benennen, finde ich großartig, immerhin spielen auch die auf jedem Jahrmarkt eine wichtige Rolle.
„Nightmare Alley“ ist in der Must Read Reihe des Festa Verlags erschienen und da gehört es auch hin. Man muss sich durch die ersten Kapitel etwas durchbeißen, aber dann nimmt die Geschichte Fahrt auf. Allerdings sollte man sich vom Cover nicht täuschen lassen, es könnte falsche Erwartungen wecken, ich persönlich finde es allerdings großartig und sehr passend.
Übrigens läuft im Dezember die Neuverfilmung des Buches in den Kinos an, in der nun allerdings nicht mehr wie zu Beginn angekündigt Leonardo DiCaprio, sondern Bradley Cooper die Hauptrolle spielt, für mich sogar die bessere Besetzung. Den Streifen von 1947 kenne ich nicht, auf das Remake bin ich jedoch sehr gespannt, denn der Trailer schaut schon mal richtig gut aus.

Der Autor macht seinen Lesern den Einstieg nicht gerade leicht, hat man sich aber erstmal an den Schreibstil gewöhnt, wird mit mit einer düsteren, dreckigen Geschichte belohnt, die Träume in Alpträume verwandelt und auch heute noch genauso aktuell ist wie vor 75 Jahren. Dafür vergebe ich 4 von 5 Miezekatzen.

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